Chronik (I): Erfahrungen in Zeiten der Corona-Krise

Bild: Christian Januth – « Le cri muet »

Täglich berichten uns armutsbetroffene Menschen, wie sie und andere von der Corona-Krise getroffen werden und welche Bewältigungs-Strategien sie entwickeln. Auch engagierte MitbürgerInnen schreiben uns. Sie alle bringen ihre Erfahrungen ein, um jetzt und langfristig Verbesserungen zu bewirken. In dieser Wochenchronik sind Aussagen zu Themen, die sich dabei abzeichnen, zusammengestellt.

Isoliert sein und die Orientierung verlieren

„Ich habe keine Angst vor dem Virus, da ich gesund bin, sondern vor all diesen Massnahmen.“

„Normalerweise kommen meine Kinder jedes Wochenende und auch einen Teil der Ferien nach Hause. An diesem Abend fuhr ich meine Kinder zurück zum Heim. Ich erfuhr dann, dass ich sie erst am 19. April wieder sehen würde.“

„Es ist im Moment auch ohne Corona sehr schwierig, da mein Körper einfach nicht mehr mitmacht. Dann kommt noch die Isolation dazu und ich bin mit gepackten Kisten Zuhause, da ich gezwungen bin bald umzuziehen. Auf dem Balkon kann ich keine Blumen pflanzen. Es ist einfach deprimierend. Im Moment habe ich 42 Masken genäht, damit meine Helfer sich gegenseitig und auch mich nicht anstecken mit diesem Virus.“

„Ich fühle mich ziemlich eingesperrt im Wohnwagen auf dem Campingplatz, wo ich wohne, es ist wie ein kleines Gefängnis… Ich kann niemanden mehr einladen, da es zu eng ist. Aber zum Glück habe ich den Wald nebenan, das genügt mir. Und dort kann man sich gefahrlos begegnen.“

Und wenn man keine Unterkunft hat?

„Zu Hause bleiben ja, aber was wenn man kein Zuhause hat? Anstatt warme Speisen drinnen zu servieren, gibt man uns Essen zum Mitnehmen. Das ist gut, aber man ist so ständig draussen. In der Notschlafstelle wo ich war, ist es viel zu eng, um Distanz zu bewahren. Pro Zimmer sind zwei  Personen eingeteilt. Es sind kleine Räume und man hat nicht den nötigen Platz um Distanz zu halten. Die Räumlichkeiten der Notschlafstelle sind überfüllt. Man kann nicht jede Person in einem Einzelzimmer unterbringen. Ich habe gehört, dass sie in einer der Notschlafstellen 12 Coronafälle haben. Sie haben gesagt, dass es eine Unterkunft für erkrankte Personen geben wird.“

„Ganz schlimm ist auch die Situation für die Obdachlosen – vor allem wenn es eine Ausgangssperre gibt… brauchen sie erst einmal ein „Zu Hause“ in dem sie bleiben können, oder??“

Verlust von Arbeit und Einkommen

„Ich habe einen speziellen Vertrag, der mir keine Kurzarbeit erlaubt. Ich bin wütend. Das ist nicht normal, dass man mir einen schlechten Vertrag gegeben hat.“

„Ich denke an alle die, die versuchen mit privaten Angeboten zu finanziellen Mitteln zu kommen wie: Home-Coiffeur, Nägel-Design, Bastelsachen verkaufen usw. Für viele Haushalte bedeutet dieses Nebeneinkommen „überleben“. Vor allem, wenn man nicht noch zusätzlich Staatsgelder empfängt (Sozialhilfe, EL, IV, AHV etc.). Das ist fehlendes Geld um die Krankenkasse oder weitere monatliche Rechnungen zu zahlen, das ist Geld um Essen zu kaufen. Beim Bund kann man ja nicht sagen, ich habe quasi „Schwarzarbeit“ gemacht, diesen Ausfall hätte ich gerne ersetzt. Ich bin mir sicher, dass es sehr viele Leute trifft, die das genau so machen. Für die Selbstständigen und die KMU’s wird der Bund Lösungen finden. Auch für sie ist es ein hartes Geschäft und für viele wird es dennoch das Aus bedeuten. All diese Leute werden dann vom Sozialamt, der Arbeitslosenkasse, der IV etc. unterstützt werden.“

Was Eltern und ihre Kinder durchmachen

„Diese Trennungsmassnahmen zum gegenseitigen Schutz sind nicht human. Sie berücksichtigen nicht, dass Kinder in eine Depression fallen können. Es ist auch seltsam, keine Küsse und Umarmungen geben/empfangen zu können.“

„Es ist schwer für mich und für die Kinder. Wie bleiben wir in Kontakt? Ich kann aufgrund von Schulden und Betreibungen keinen neuen Telefonvertrag bekommen und Prepaidkarten kosten mich dreimal so viel pro Monat.“

Mitzuhelfen den Alltag ein bisschen zu entschärfen ist eine grosse Herausforderung

„Da ist in einem Dorf die Migros durch Hamstereinkäufe völlig leergekauft. Der Familienvater kann nichts mehr für seine vierköpfige Familie einkaufen. Das Geld für eine Fahrkarte in die nächstgelegene Stadt hat er nicht. Zudem ist er körperlich so sehr geschädigt, dass er allein nicht kiloweise Lebensmittel nach Hause tragen kann. Mit unserem Verein sende ich ihm ein Lebensmittelpaket von 20kg, die nächste Woche eines von 30 kg. Beim Einkaufen stelle ich fest, dass fast alle Budget-Produkte auch in einer grösseren Stadt ausverkauft sind. Die Milch für die Kinder muss er bei einer Tankstelle einkaufen, wo die Preise enorm viel höher sind.“