Das Langzeitvolontariat, Einsatz und geteiltes Leben

Marylise Roy und Romain Fossey sind Mitglieder des Langzeit-volontariats von ATD Vierte Welt. Mit ihren beiden Kindern leben sie seit August in der Schweiz, wo sie zum Team in Genf gehören. 

Ihr seid 38 Jahre alt. Seit wann arbeitet ihr mit ATD Vierte Welt? 

Romain Fossey: Ich wirkte ein Jahr lang an einer Strassenbibliothek in Nantes (F) mit, als ich 19 Jahre alt war. Einmal pro Woche gingen wir in ein Wohnviertel und lasen draussen auf einer Decke mit den Kindern Bücher. Manchmal regnete es, im Winter war es kalt, aber die Kinder waren immer da.


Marylise Roy: In Bordeaux machte ich einmal im Sommer an einem Fest zum «Wissen teilen» mit. Ich leitete eine Werkstatt für die Kinder. Ich bedauerte, dass ich diese Verbindung mit ihnen nicht dauerhaft pflegen konnte.

Seid ihr Verbündete geworden ?

M.R. Ich erhielt weiterhin die Monatszeitung von ATD Vierte Welt Frankreich. Während meiner Ausbildung als Sozialpädagogin las ich Publikationen von ATD Vierte Welt, denn ich wollte ihre besondere Denk- und Handlungsweise mit den Menschen in Armut besser verstehen lernen. Nach Abschluss meiner Ausbildung lebte und arbeitete ich in einem Arbeiterviertel eines Pariser Vororts. Jeden Monat nahm ich an der Volks-universität Vierte Welt im Zentrum von Paris teil.

R.F. Ich war Erzieher in einem Kinderheim. Dann arbeitete ich für den Jugendrichter, der für den Kinderschutz in Frankreich zuständig war. Die Erfahrungen dort erschütterten mich oft, ich sah die institutionelle Gewalt, der problembeladene arme Familien ausgeliefert waren.
Ich engagierte mich ebenfalls in der Volksuniversität Vierte Welt, denn ich wollte die Bewegung ATD Vierte Welt besser verstehen. Ich entdeckte dort vor allem die Stärke und die Intelligenz der aktiven Basismitglieder.
Nach einigen Jahren suchten Marylise und ich ein stärkeres gemeinsames Engagement, das unserem beruflichen und persönlichen Leben Sinn gab. 

Im Jahr 2010 seid ihr dem Langzeitvolontariat beigetreten. Ihr habt mit den Teams in Guatemala, im internationalen Zentrum von ATD Vierte Welt in Frankreich und auch in Quebec gearbeitet. Was habt ihr von dort mitgenommen?

R.F. Dass Elend Gewalt ist! Eine Gewalt, die es den Menschen in grosser Not verunmöglicht, als Familie zu leben, sich auszubilden, zu pflegen, ihren Wohnort zu wählen oder sie gar zum Leben auf der Strasse zwingt, die zu Demütigungen im Spital führt, zur Arbeitslosigkeit oder aber zur Überarbeitung für minime Bezahlung. In Guatemala gehören auch der Tod durch eine Kriminalität, die durch fehlende Lebenschancen genährt wird, dazu. Ich denke an den Mut all jener Eltern, Kinder und Jugendlichen, die jeden Morgen mit einem Knoten im Magen aufstehen vor lauter Sorgen für ihre Familie und die trotzdem kämpfen und sich für eine bessere Zukunft für sich und die ihren wehren.

M.R. Von Guatemala werde ich den Mut der Familien, trotz unvorstellbaren Überlebensbedingungen durchzuhalten, nicht vergessen. Ich denke an die Hilfsbereitschaft der Familien, die in den allerschlimm-sten Lagen ihre Konflikte beiseite legten, um einander zu unterstützen, während der Staat quasi abwesend war. Auch in Kanada trennt die Armut Eltern und Kinder. Während die Kinder in Heimen als gefährdet und deshalb als schützenswert gelten, werden sie für ihre Schwierigkeiten selber zur Rechenschaft gezogen, sobald sie volljährig oder Eltern geworden sind. 

Seit ein paar Monaten seid ihr in der Schweiz. Worauf richtet ihr eure Aufmerksamkeit? 

M.R. Ich lerne die Arbeit des internationalen Teams von ATD an der UNO in Genf kennen. Ich hoffe, dass ich dort die Stimme der Armen und Übergangenen unterstützen und die Gewalt, welche die Trennung von Kindern und Eltern aus Armutsgründen darstellt, bewusst machen kann.

R.F. Die Jugendlichen der Strassenbibliothek und der Kinderdelegation, die ins Bundeshaus nach Bern ging, haben mich mit ihrer Energie, ihrem Verstand und ihrem Willen, die Armut zurückzudrängen, beeindruckt.