Das Leben gestalten – trotz allem

In den ersten Tagen dieser Viruszeit geht Romain, einer unserer Mitarbeiter, Eltern besuchen, die er bei der Strassenbibliothek in Genf kennengelernt hat. Ihre vier Kinder sind seit kurzem in einem neuen Heim, das die Eltern noch nicht kennen. Familiäre Beziehungen aufrecht erhalten, ja, aber wie ihr Smartphone einrichten, damit die Verbindung unter guten Bedingungen möglich bleibt? „Wir haben diskutiert. Wir haben zusammen Versuche gemacht. Und dann, was für eine Freude, noch am selben Abend per Videokonferenz das Lächeln des Vaters zu sehen, der mir mitteilt, dass es geklappt hat.

Er hat mit seinen Kindern reden und sie auch „sehen“ können. Jetzt ist er entspannt und froh.“  

Beziehungen aufbauen

Überall auf der Welt drücken Männer und Frauen, Jugendliche und Kinder in dieser vom Coronavirus gezeichneten Zeit noch mehr als sonst ihre Sehnsucht nach Dazugehörigkeit aus, nach Mitwirkung an der Suche nach guten Ideen und Bemühungen, sie für alle umzusetzen. Sie möchten am allgemeinen Elan der gegenseitigen Sorge füreinander teilnehmen.  

Seit Tagen hat Jean-Marc nachts kaum geschlafen in seinem Wohnwagen, den er sommers wie winters bewohnt. Er hat kein Fernsehen und kein Internet mehr. Ein junger ATD-Mitarbeiter reist hin, um ihm zu helfen, die Verbindung wieder herzustellen. Schulden haben ihm das Recht auf einen Vertrag auf seinen Namen verbaut. Es ist nun schwierig, vom Telefondienst anerkannt zu werden. Der Anruf kommt auf die Wartelinie, 5 Minuten, 10 Minuten, und wird abgebrochen. Zorn kommt hoch. Wie oft hat Jean-Marc schon zu verstehen gegeben, dass die Sprache der Armut keine von der Verwaltung anerkannte Sprache ist und dass dieses Unverständnis die Betroffenen isoliert und zwingt, sich dauernd zu rechtfertigen.

Aus dem Schweigen ausbrechen

Für Dora in Basel, die allein lebt, heisst das vielleicht auch, aus der Angst auszubrechen. Ihr Telefon geht nicht und tagelang kann sie nicht erreicht werden. Beunruhigt versuchen es ihre Freunde mit Anklopfen und Briefe unter die Türe legen. Schliesslich gelingt es, mit ihr zu sprechen, dank einem neuen Telefon.

Wie leben sie?

So gilt es, sich unter Mitgliedern der Bewegung das Wort weiterzugeben und an jene zu denken, die nichts von sich hören lassen, die Schweigenden, die man so schnell vergisst! Wie geht es ihnen? Wie leben sie? Gelingt es uns, sie zu erreichen und zu hören, wie sie diese Zeit erleben, um daraus zu lernen und diese Krise gemeinsam zu bewältigen?

Und wie bleiben wir in dieser Zeit den Kindern nahe?

Wie verbinden wir uns mit ihrer Art, das Leben trotz allem neu zu erfinden? Von der TAPORI-Kampagne inspiriert, haben in Rorschach einige Kinder angefangen, Botenvögel zu gestalten, mit vielen Herzen verziert, um sie zu andern Kindern in die Welt hinauszuschicken:

„Ich hoffe, dass es dir gut geht, da, wo du bist. Und wenn du es nicht leicht hast, sollst du wissen, dass mein Vogel und ich dich begleiten.“ 

Die Hoffnung einer Großmutter

Am Fenster lässt eine Grossmutter ihre Gedanken fliegen, so wie die Vögel, die sie betrachtet:  

Denn weder Mauern noch Grenzen halten sie zurück. 
Sie haben alle Farben, wie die Sprachen und die Religionen.
Und – wenn sie es wären, die uns den Weg zur Welt von morgen zeigten? 

Hat Nelly, von der diese Worte stammen, nicht ihr Leben lang Grenzen zurückgestossen und ganz verschiedene Menschen zusammengeführt, um das Unrecht der Armut aus der Welt zu verbannen?

So gehen wir hoffnungsvoll dem Sommer entgegen, um – vielleicht in kleinen Gruppen – Begegnungszeiten zu gestalten. Feste, Familienzeiten, Tage für kreatives Schaffen und gemeinsames Lernen sind jetzt notwendiger denn je. 

Auch der Herbst erwartet uns – als eine Zeit der Ernte? Der Ernte neuer Formen des Zusammenseins und des solidarischen Handelns, derer wir angesichts der anhaltenden Unsicherheiten und Ungleichheiten so sehr bedürfen. 

Mit Ihrer Unterstützung wollen wir in dieser Richtung weitergehen, jetzt und noch lange! 

Wir danken Ihnen herzlich für Ihr Mitwirken!    

Anne-Claire Brand
Schweizerische Koordination