Der «richtige Platz»

Der «richtige Platz»

Die Rolle von WissenschaftlerInnen bei dem Wissen-Kreuzen mag im Vorfeld einfacher oder weniger einschneidend erscheinen als die anderer Beteiligter, denn es geht darum, theoretische Kenntnisse bereitzustellen anstatt einen Einblick in eigene Armutserfahrungen oder seine berufliche Praxis zu geben. Doch unsere Teilnahme am Projekt «Armut – Identität – Gesellschaft» hat uns gezeigt, wie herausfordernd und bisweilen aufwühlend ein solcher Prozess sein kann.

Die Wissenschaft nicht als das Mass aller Dinge ansehen

Eine der grössten Schwierigkeiten ist es, den «richtigen Platz» in diesem Wechselverhältnis zu finden und dabei gleichzeitig wissenschaftliche Kenntnisse, die hoch bewertet und zu Recht anerkannt werden, nicht als das Mass aller Dinge anzusehen und so die Hierarchisierung von Wissen in unserer Gesellschaft zu fördern, der ATD Vierte Welt gerade entgegenwirkt. Zu welchem Zeitpunkt sollte man also das Wort ergreifen? Wie soll dies getan werden, insbesondere, wenn damit der Beitrag von anderen Beteiligten in Frage gestellt wird? Wie kann theoretisches Wissen schnell und einfach vermittelt werden, ohne Gefahr zu laufen, es zu verfälschen?

Antworten liegen manchmal nahe

Zu Beginn des Prozesses wurden diese Fragestellungen durch die Reaktionen der anderen Beteiligten auf unsere Beiträge verstärkt behandelt. So waren die VertreterInnen des Ansatzes Wissen durch Erfahrung während des ersten Workshops beispielsweise überrascht, dass die Antworten der WissenschaftlerInnen (in Bezug auf die Anweisungen) so nahe an ihren eigenen liegen konnten. Dies schien uns wiederum ganz normal zu sein, denn einige von uns analysieren die Phänomene aus Sicht der Betroffenen. Beunruhigend war jedoch, dass wir nicht den Vorstellungen entsprachen, die die anderen Teilnehmenden von den WissenschaftlerInnen hatten: Was wurde denn von uns erwartet und was konnten wir anders machen?

Klarstellungen sind notwendig

Ein weiteres Beispiel: Als wir von «Machtverhältnissen» sprachen, um die Probleme bei der Interaktion zwischen Menschen und Institutionen zu verorten, reagierten einige Mitglieder jener Berufsgruppen mit Empörung. Diese Idee wurde als bewusster Wunsch verstanden, andere Menschen zu übertrumpfen, worin sie ihr eigenes Handeln nicht wiedererkannten. Weitere Erklärungen unsererseits – einschliesslich der Tatsache, dass diese Vorstellung in sozialen Beziehungen allgegenwärtig ist und über die Verantwortung des Einzelnen hinausgeht – haben es uns ermöglicht, uns besser zu verstehen und an diesem Konzept in unseren gemeinsamen Überlegungen anzuknüpfen. Die Reaktionen der Betroffenen riefen uns auch in Erinnerung, dass bestimmte Begriffe, die in der Wissenschaft häufig zur Beschreibung von Erscheinungen wie der sozialen Kontrolle verwendet werden, Anstoss erregen oder anders verstanden werden können, wenn sie im Zusammenhang mit ihrer besonderen Lebenserfahrung verwendet werden.

Beziehungen und Vertrauen

Nach mehr als zwei Jahren Arbeit an diesem Projekt scheint es nun einfacher zu sein, den «richtigen Platz» zu finden, und das vor allem dank der Beziehungen und des Vertrauens, die zwischen den Beteiligten entstanden sind. Aber es ist wichtig, dass wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, denn Mobilisierung und das Verlassen der eigenen Komfortzone machen dieses Projekt bereichernder!

Caroline Reynaud und Sophie Guerry, Dozentinnen an der Hochschule für Soziale Arbeit Fribourg
Übersetzung von Laura Zettl