Die 4. Nationale Tagung „Gesundheit & Armut“

Aktivist*innen der ATD Vierten Welt berichten an der 4. Nationalen Tagung „Gesundheit und Armut“ über ihre physischen Schwierigkeiten.

Am 21. Januar fand die 4. Nationale Tagung „Gesundheit & Armut“ im digitalen Raum statt. Organisiert von der Berner Fachhochschule für soziale Arbeit, gab es vielseitige Referate, anregende Podiumsgespräche und interaktive Workshops. Die ATD Vierte Welt wurde angefragt, ein Podium mit Menschen in Armut (Aktivist*innen) vorzubereiten mit dem Thema „Warum Armutsbetroffene Gesundheitsleistungen nicht in Anspruch nehmen?“ Auf Grund der aktuellen Corona-Situation musste dann das Podium aufgeteilt werden. In beeindruckender Manier stellten sich die Aktivist*innen vor und berichteten, mit was für gesundheitlichen Problemen sie konfrontiert wurden:

Jean-Pierre konnte nach einem Arbeitsunfall nicht mehr auf seinem Beruf arbeiten. Mit Fr. 2.40 in der Tasche war er gezwungen, sich beim Sozialamt zu melden. Wegen seinen defekten Zähnen musste er ein Gebiss beantragen. Das wurde ihm zwar von der Sozialhilfe und der Kirche bezahlt, doch leider erträgt er das Gebiss nicht. Seit 4 Jahren kann er fast nichts mehr essen. Das belastet ihn psychisch sehr. Als Rentner bekommt Jean-Pierre zwar eine AHV und Ergänzungsleistungen, aber kein neues Gebiss.  

Georgina lebt seit 50 Jahren in der Schweiz. Sie besuchte die obligatorischen Schulen, arbeitete danach im Büro und im Pflegedienst. Sie heiratete und gebar 3 Kinder. Doch die folgenden Jahre waren geprägt von Terror, Ausbeutung und Gewalt. Gezeichnet von Demütigungen, seelischen und körperlichen Verletzungen, floh Georgina mit den Kindern zweimal in ein Frauenhaus. Aus gesundheitlichen Gründen, vor allem wegen ihrer Rheumakrankheit, wurde Georgina arbeitslos und war gezwungen, sich bei der Sozialhilfe anzumelden. Leider hat die IV, trotz ärztlichem Rat, eine Unterstützung abgewiesen. 

Christians alleinerziehende Mutter reiste mit ihren beiden Kindern von Ex-Jugoslawien in die Schweiz. Die Alimente des Vaters reichten nicht aus. Christian wurde schon sehr früh mit den armen Familienverhältnissen konfrontiert. Das war für ihn nicht immer einfach. So konnte er z.B. nicht an einem Schullager teilnehmen, weil das Geld fehlte. Dafür schämte er sich. Er war auch gezwungen, die Schulzahnklinik zu besuchen. Die Lehre als Hochbauzeichner konnte er nicht beenden. Christian lebt von der Sozialhilfe und hilft bei der Gassenarbeit aus.

Susanne wuchs in einer wohlhabenden Familie auf, studierte in Bern Medizin und verbrachte nach dem Abschluss einige Jahre im Ausland. In einer Rehaklinik wollte sie eine Dissertation zum Thema Gesundheit und Migration schreiben. Doch dann passierte es, ihr Leben veränderte sich total. Sie wurde als Ärztin gemobbt und geriet in eine Erschöpfungsdepression. Obwohl sie eine neue Stelle in einer Praxisgemeinschaft fand, erholte sich Susanne nicht mehr. Es folgten mühsame Abklärungen mit der IV, und ein von der Taggeldversicherung veranlasster Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik, obwohl ihr eine zusätzliche Praxishilfe mehr geholfen hätte. Susanne geriet immer tiefer in die Negativspirale. Nun lebt sie von der Sozialhilfe und bemüht sich in einer Selbsthilfegruppe für Sozialhilfeempfangende die Betroffenen bei ihren IV-Anträgen zu unterstützen.

Bernadette kam ein erstes Mal mit 16 Jahren in die Psychiatrische Klinik, weil sie unbedingt ins Gymnasium gehen wollte und die Eltern dagegen waren. Dort wurde sie sehr schlecht behandelt, was sich auf ihr weiteres Leben belastend auswirkte. Bernadette heiratete, doch die Ehe war von kurzer Dauer. Mit ihren Kindern versuchte sie, ihr Leben so gut als möglich zu bewältigen. Immer wieder plagten sie gesundheitliche Probleme, sei es wegen einer chronischen Bronchitis, einer monatelangen TB-Behandlung oder ihrer Krankheit „Morbus Bechterew“. Diese führte zu schmerzhaften Entzündungen an den Sehnen, der Blase und der Stirnhöhle. Weil die inneren Organe versagten, erhielt Bernadette von der IV ein Medikament, in Form von Tabletten. Die Nebenwirkungen waren gravierend: Geschwüre, Depressionen, Lungenentzündungen u.a. Trotzdem musste Bernadette bis zu ihrer Pension zum Teil schweren körperlichen Tätigkeiten nachgehen. 

Christine Lindt, Verbündete der ATD Vierten Welt, informierte über ein Gesundheitsprojekt der Regionalgruppe Basel. Während einigen Monaten tauschten vorwiegend Aktivist*innen ihre Erfahrungen zum Thema Gesundheit aus, angeregt durch einen Input eines Apothekers zu den Bereichen: Teure Medikamente, Prävention, gesunde Ernährung, Krankenversicherung, psychosomatische Krankheiten u.a. Das waren Themen, die Menschen in Armut doppelt zu schaffen machen. 

Das beeindruckende Selbstbewusstsein der von Armut betroffenen Podiumsgästen und ihre fordernden Botschaften an die per Zoom zugeschalteten Tagungsteilnehmenden, dass alle gleich behandelt und Armutsbetroffene nicht diskriminiert werden dürfen, das bedeutete eine grosse Bereicherung für die Tagung. So sah es auch Nationalrat Felix Wettstein, Dozent an der Nordwestschweizer Fachhochschule für Soziale Arbeit, Olten, der in seinem Votum amSchlusspodium die Würde von Menschen in Armut ins Zentrum stellte.  

Claude Hodel