Die Coronakrise als Chance für nachhaltige Veränderungen

Nebst der vielen solidarischen Aktionen kurzfristiger und materieller Natur, die während dieser Krisenzeit entstanden sind, ist es wichtig, dass auch über längerfristige Formen der Solidarität nachgedacht wird. Formen, die dem Wissen armutsbetroffener Menschen einen Platz geben und eine würdevolle Existenz aller garantieren.

Auf Initiative von ATD Vierte Welt und AvenirSocial,

dem Berufsverband Soziale Arbeit Schweiz, haben 28 Betroffenenorganisationen und Organisationen aus dem Bereich der Armutsbekämpfung und -prävention zu Beginn der Krise eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht. Sie haben darin beschrieben, welche zusätzlichen Schwierigkeiten die Situation rund um die Corona-Krise für Menschen mit sich bringt, die schon vorher von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen waren. Neben konkreten Forderungen in Bezug auf die aktuelle Lage haben sie vor allem auch darauf hingewiesen, dass für viele Menschen die Krise eine andauernde Realität ist und es langfristige Lösungen braucht, die gemeinsam mit armutserfahrenen Menschen erarbeitet werden. Diese Stellungnahme wurde in den Medien breit aufgenommen (u.a. im Bund, dem Tagesanzeiger, in der Luzerner Zeitung und der Aargauer Zeitung) und hatte zur Folge, dass einzelne Mitglieder der Bewegung am Radio vertieft über die Situation berichten konnten. Wir haben viele positive Rückmeldungen erhalten und von Politikern auf nationaler Ebene erfahren, dass sie sich für Vorstösse im Parlament auf unsere Stellung-nahme als Basis bezogen haben.

Ein beachtlicher Teil des Wissens für die Stellungnahme ist aus unserer Solidaritäts-Aktion entstanden, bei der armutsbetroffene Menschen und engagierte Mitbürger berichten können, wie sie und andere von der Corona-Krise getroffen werden und welche Bewältigungs-Strategien sie entwickeln.

Die gegenwärtige Situation wirft ein Licht auf bereits bestehende Ungleichheiten und bringt noch deutlicher zum Vorschein, was für viele Menschen im Land eine dauerhafte Krise ist. Sie kann aber in gewisser Hinsicht auch eine Chance sein: So wie sich Menschen in Zeiten der Krise näherkommen und Solidarität auf einmal in aller Munde ist, so zeigen auch Beispiele aus verschiedenen Regionen der Schweiz und international, dass sich auch Organisationen zusammenschliessen und sich für gemeinsame Interessen einsetzen.

Auch ATD Vierte Welt versucht, wo immer möglich, die Kräfte mit anderen zu vereinen, um jetzt und längerfristig zu den nötigen Veränderungen beizutragen, um der Armut in der Schweiz entgegenwirken zu können.

Die Krise kann dabei mehr denn je die Möglichkeit bieten aufzuzeigen, wo in der Schweiz auf struktureller Ebene Veränderungsbedarf besteht, damit armutsbetroffene Menschen jetzt und in Zukunft als vollwertige Akteure in ihrem täglichen Kampf und im Zusammenwirken mit Institutionen anerkannt und unterstützt werden.

Das dreijährige partizipative Forschungsprojekt „Armut – Identität – Gesellschaft„ (2019-2021), welches ATD Vierte Welt mit Unterstützung des Bundesamtes für Justiz durchführt, setzt an dieser Stelle an und ist angesichts der sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie von grösster Aktualität. Das Projekt soll ermöglichen, die Beziehung zwischen Gesellschaft, Institutionen und Menschen in Armut besser zu verstehen und dazu beitragen, dass sich Armut und erlebte Gewalt im Zusammenwirken mit Institutionen nicht mehr von Generation zu Generation wiederholt – auch nicht in Krisenzeiten. Durch den Einbezug verschiedener Wissensarten und Perspektiven können politische, institutionelle und akademische Partnerschaften geschaffen werden, mit dem Ziel, dass das gemeinsam erarbeitete, emanzipatorische Wissen tatsächlich anerkannt und aufgenommen wird – und so zu einem Auslöser für nachhaltige Veränderungen in Politik und Gesellschaft werden kann.

Michael Zeier