Ein Blick durch’s Schlüsselloch bei der nationalen Plattform gegen Armut

Am Donnerstag 2. September fand die nationale Plattform gegen Armut in Bern statt. Es ist ein Tag, der gerade für die Menschen, welche Armutserfahrung haben, viele Erwartungen mit sich bringt – vielleicht umso mehr da dieser Anlass im Zeichen der Partizipation steht.

In der Eröffnungsrede wurde darauf hingewiesen, dass die Corona-Krise uns in gewisser Weise dazu gezwungen hat, bestimmte Lebensrealitäten nicht länger zu ignorieren. Die Themen, die angesprochen wurden, waren zwar nicht neu, sondern haben an Sichtbarkeit gewonnen.

Die ersten Inputs kamen von der wissenschaftlichen Ebene, indem es darum geht den Mehrwert zu beleuchten, den die Partizipation von Menschen in Armut hat. Dabei erinnerte mich die Kernaussage, an ein Grundsatzelement Sozialer Arbeit: Es geht immer um Beziehung! Und Beziehung kann nur durch Gegenseitigkeit entstehen. Partizipation ist daher nicht nur ein «nice-to-have», ein nettes Element, das man in diesen Kampf einbeziehen kann, sondern vielmehr ein Muss, um voranzukommen.

Kurz vor Mittag gab es die Möglichkeit in Workshops hineinzuschnuppern, welche Partizipation in unterschiedlichen Formen vorstellten. Auch hier spielten die Betroffenen einen wichtigen Part und brachten ihre eigenen Erfahrungen mit ein.

Nach dem Mittagessen kam die Versammlung wieder zusammen, um die durch Corona verstärkt aufgetretenen Probleme durch die Augen der Betroffenen zu sehen. Hierfür hatten sich AktivistInnen von ATD Vierte Welt vorbereitet. Dabei warfen sie Fragen und Bedürfnisse auf, die universal sind und uns alle betreffen. Ich war erstaunt, dass diese Barrieren zwischen Menschen in Armut und dem Rest der Gesellschaft so stark sind. In der Tat spiegelten ihre Aussagen einige der Probleme wider, mit denen auch andere Teile der Gesellschaft konfrontiert sind. So wird zum Beispiel die Wichtigkeit von sozialen Kontakten und die Schwierigkeit des Sich-einsam-Fühlens beschrieben: „Obwohl ich es gewöhnt bin alleine zu sein, sind für mich die sozialen Kontakte sehr wichtig“. Oder über die Schwierigkeiten als Person über 50 noch eine Stelle zu finden. „Persönlich, mit 55 Jahren, muss ich arbeiten. Aber ich bin zu teuer für einen Arbeitgeber und die Gesellschaft. Ohne Netzwerk, ohne Kontakt wurde ich noch zusätzlich marginalisiert.“

Fachleute, AkademikerInnen und Armutsbetroffene erhielten die Möglichkeit auf die Themen zu reagieren, die Menschen in Armut beschäftigen. Dabei zeigte sich einmal mehr die Herausforderung, dass es Menschen oft schwer fällt sich in die Lebenswelt anderer hineinzuversetzen. Umso wichtiger war es, dass dieses Jahr bereits mehr direkt Betroffene an der nationalen Plattform gegen Armut teilnehmen konnten. Denn nur so kann die Herausforderung eines Dialogs zwischen Menschen mit verschiedenen Lebensrealitäten und Wahrnehmungen gelingen. Ziel muss es sein einen Dialog anzustossen, indem man einander zuhört und die Lebensrealität des anderen annimmt. Für alle Beteiligten war dies ein Lernfeld, welches wir gerne auch weiterhin fördern möchten und für die nächste Plattform gegen Armut weitere Schritte gehen möchten, um unserem Ziel der aktiven Teilhabe aller näher zu kommen.

Lisa Kesselring, Praktikantin bei ATD Vierte Welt in Treyvaux


Beiträge von AktivistInnen an der Tagung:

«Ich persönlich muss mit 55 Jahren arbeiten, aber ich koste einem Arbeitgeber und der Gesellschaft zu viel! Ohne Netzwerk, ohne Kontakte, wurde ich noch mehr an den Rand gedrängt. Ich habe alle meine Fortbildungskurse verpasst, weil ich so müde war. Im Moment möchte ich arbeiten, aber ohne eine neue Weiterbildung beginnen zu müssen. Ich habe weder die Zeit noch die Energie dafür. Wir sind nicht alle gleich, wenn es um den Zugang zur Ausbildung geht. Wer auch immer Sie sind, ab 50 bedeutet der Verlust des Arbeitsplatzes, dass Sie Gefahr laufen, in die Armut abzurutschen.“

Ich habe gesehen, dass kleine Einkünfte aus Nebenjobs oder Gelegenheitsarbeiten während der Pandemie verschwunden sind. Während einige dynamischere Menschen die Kraft hatten, wieder auf die Beine zu kommen, waren andere, die zu viele Schwierigkeiten angehäuft haben (Schulden, leere Lebensläufe), nicht in der Lage, dies zu tun. Weil uns niemand mehr traut. So ist beispielsweise die Nachfrage nach der Betreuung durch Tageseltern während der Pandemie stark zurückgegangen. Für Tageseltern ist dieses zusätzliche Einkommen jedoch sehr wichtig.

Ich sehe Menschen, die nichts mehr haben und nicht mehr über die Runden kommen. Wenn ihnen niemand vertraut, kommen sie da nicht mehr raus. Es ist schrecklich, sich ständig in einem Zustand des Versagens und der Angst zu befinden. Ich bin arbeitslos – das ist besser als abhängig von der Fürsorge, weil die Leute wenigstens nicht verfolgt werden. Auf dem Sozialamt, unter Beistandschaft, ist man wie ein Gefangener. Wer wird sie einstellen?«

Elisabeth Gillard, ATD Vierte Welt Aktivistin


«Die Menschen wissen nicht, an wen sie sich wenden können, um Hilfe zu erhalten. Wir haben nicht die notwendigen Informationen, die Informationen erreichen die Menschen nicht. Rechtliche Unterstützung wäre sehr wichtig gewesen, aber sie ist teuer und man muss wissen, wie man sie bekommt. Das Rechtliche vom Sozialen trennen.

Die Menschen trauen sich nicht, zu den Sozialdiensten zu gehen, weil sie Angst haben, stigmatisiert zu werden. Man dringt in unsere Privatsphäre und in die unserer Kinder ein. Es ist sehr schwer, Formulare auszufüllen und die auferlegten Bedingungen zu erfüllen.

Das System unterstützt dich nur, wenn du ganz unten bist. Beispiel: ein Unternehmer, der nicht unterstützt werden darf.

Kontrolle und Bedingungen: Es ist psychologisch nicht erträglich, immer alles vorzeigen zu müssen, immer den Sozialdiensten Beweise vorlegen zu müssen. Es ermutigt zu Unehrlichkeit und Kleinkriminalität. Warum wird den kleinen Leuten, den Menschen in Armut, nie bedingungslose Unterstützung angeboten? Warum erhalten Organisationen eine solche Unterstützung, aber nicht Menschen?

Wir werden oft nicht als Akteure unseres eigenen Lebens gesehen. Menschen, die in Armut leben, bleiben in Armut stecken. Sie müssen angehört werden, damit ihre Projekte eine Chance haben, verwirklicht zu werden.

Menschen, die seit langem in Armut leben, wissen besser damit umzugehen als die „neuen Armen“. Ist die Gesellschaft bereit, ihre Sichtweise auf Menschen mit Armutserfahrungen zu ändern, damit wir zusammenarbeiten können?«

Alain Meylan, ATD Vierte Welt Aktivist