Neues Buch: „La dignité pour boussole“ (Die Würde als Kompass) von Eugen Brand

Michel Sauquet, Schriftsteller und Dozent an der Universität Sciences-Po in Paris, erzählt uns von seinem Buch, «Die Würde als Kompass», das im Dialog mit Eugen Brand entstanden ist.

Ich kannte ATD Vierte Welt nur entfernt. Nach einer kurzen Begegnung mit Joseph Wresinski im Jahr 1968 kam ich dann in den 90er Jahren dazu, erneut Kontakt aufzunehmen. Eugen Brand traf ich im Jahr 2008 zum ersten Mal. Im Jahr 2014 trafen wir uns während eines internationalen Seminars zur Führungskultur der Bewegung wieder. 

Dort kam uns auch die Idee zu diesem Gesprächsbuch zur Führungskultur. 

Wir beschlossen, von Eugens Leben auszugehen, die entscheidenden Momente und Charakteristika der Bewegung Stück für Stück herauszuarbeiten. Es handelt sich also sozusagen um ein impressionistisches Bild von ATD, das von Eugens Lebenslauf ausgeht. Während dieses Arbeitsprozesses ist zwischen uns eine tiefe Freundschaft entstanden.

Als ich Eugen zuhörte, traf mich besonders die Originalität der Führungskultur der Bewegung, die ich durch unsere Gespräche entdeckte, beziehungsweise wiederentdeckte.

Sie erscheint auf radikale Weise verschieden von den Führungskulturen zu sein, die in Organisationen oder Vereinen sonst gelebt werden. Ein Beispiel: Die Verantwortlichen werden nicht durch eine einfache Wahl bestimmt, sondern durch einen progressiven Entscheidungsprozess, an dem sehr viele Personen mitwirken. 

Eine weitere Frage, die sich vielen Organisationen stellt: Wie weiter, wenn der Gründer nicht mehr da ist? Die Art und Weise, wie Joseph Wresinski über seine Nachfolge sprach, indem er sagte, man solle nicht versuchen, ihn zu kopieren, sondern neue Handlungsformen finden, war fundamental. Dieser Aufgabe haben sich Eugen und andere angenommen, indem sie seinem Erbe treu blieben – sein Name wird ganze 235 Mal im Buch genannt – und sich neu erfanden, indem sie pragmatisch vorgingen und möglichst viele Mitglieder der Bewegung einbezogen.   

Auch wenn dieser Ausdruck in der Bewegung nie verwendet wird, so scheint mir die Effizienz der von Eugen skizzierten Interessenvertretung im ganzen Buch fundamental zu sein. ATD war in vielen Bereichen Pionier, angefangen bei der Kooperation mit den Universitäten und mit der besonderen Fähigkeit vom „Mikro “ zum „Makro“ zu gehen. Joseph Wresinski sagte immer das „Arbeitsfeld“ bilden die Notsiedlungen aber auch die Ministerien. 

So gibt dieses Buch etwas Wegweisendes zu erkennen, das gut zur Definition des Konzepts Führungskultur passt: die Kunst, dafür zu sorgen, dass alle Stimmen der Gesellschaft gehört werden, um die öffentliche Politik zu beeinflussen.

Wenn man im Bereich der Forderungen und der Revolte verharrt, erreicht man nichts. Wenn man in einen fortlaufenden Dialog tritt, erreicht man sehr viel. Es ist essenziell, dass man dank der unermüdlichen Lobbyarbeit und der Mitwirkung der Ärmsten vorankommt. Dass bei der Gestaltung staatlicher Massnahmen alle mitzureden haben, ist Grundvoraussetzung. Gleichzeitig ist mir auch aufgefallen, dass man nie im Klassenkampf steckt. Die verschiedenen sozialen Gruppen müssen zusammenarbeiten, sonst erreicht man nichts.  

Schliesslich fällt mir bei Eugen auf, dass er beharrlich vom Leben der Menschen erzählt und man die Bewegung so durch sie versteht. 

Im Buch erscheinen viele Gesichter, aus vielen Ländern, auch aus der Schweiz. Die Schweiz hat darin übrigens einen wichtigen Platz, denn Eugen kommt im Gespräch oft zu seinen Wurzeln zurück. 

Diese Gesprächsreihe, die über mindestens drei Jahre lang ging und die Basis des Buches bildet, hat mich sehr begeistert. Ich denke, dass viele Personen, die sich für ein Anliegen einsetzen oder in Organisationen arbeiten, von den Erfahrungen und dieser unglaublichen Mischung aus Demut und Wagemut lernen können, die die Bewegung zum Erfolg geführt hat. Diese Mischung aus Bescheidenheit, Wille und Kühnheit, die stets in den Geschichten von Menschen Ausdruck findet, hat mich im Dialog mit Eugen sehr beeindruckt. 

Eine Führungskultur, die nicht auf Konzepten, sondern auf den Erfahrungen der Menschen aufbaut. 

Aufgezeichnet von Hélène Cassignol

Eugen Brand ein Engagement mit ATD Vierte Welt

Was ist die Geschichte dieses Mannes, der die Bewegung ATD Vierte Welt vierzig Jahre lang mit anderen und in der Nachfolge ihres Gründers Joseph Wresinski getragen hat? In der Schweiz geboren, lernt Eugen Brand die Bewegung im Alter von 22 Jahren kennen und wird in der Folge ständiger Volontär. Er lebt nun unter Familien, die in grosser Armut leben, und lernt an ihrer Seite. Dieser Einsatz führt ihn nach Créteil, New York, Basel, Peru, Bolivien…

Eugen Brand

war Generaldelegierter von ATD Vierte Welt nach dem Tod von Joseph Wresinski. Diesen Verantwortungsbereich hat er mit andern aufgebaut, indem er mit ihnen suchte und lernte, sowohl lokal als auch weltweit als Bewegung zu leben, zu denken und zu handeln.

Michel Sauquet

ist Schriftsteller und Dozent. Den Grossteil seines Berufslebens arbeitete er im Bereich der internationalen und interkulturellen Kooperation. Das Buch ist am 11. Juni 2020 unter dem Titel La dignité pour boussole in französischer Sprache erschienen. Für die Übersetzung und den Druck des Buches auf Deutsch suchen wir noch eine Finanzierung.