Ein Zivildienst, der mein Leben berührt hat

Bild: Vernissage des Buches von Eugen Brand La dignité pour boussole„ – Die Würde als Kompass – geleitet von Micha am 15. Oktober 2020 in Freiburg

Micha Weiss, 23 Jahre alt und Praktikant im Zivildienst, berichtet, wie ihn sein Einsatz in und mit der Bewegung ATD Vierte Welt herausfordert.

In einem meiner Theologiekurse im Herbst 2019 stellte Marie-Rose Blunschi, Mitarbeiterin von ATD Vierte Welt, diese Bewegung zusammen mit Nelly Schenker, einem Basismitglied, vor. Vieles hatte mich damals berührt und hinterfragt, aber nach Semesterende nahm der Alltag wieder seinen Lauf, ohne grosse Veränderung in meinem komfortablen Studentenleben. Im Februar 2020 begann ich, einen Ort für meinen Zivildienst zu suchen. Die Bewegung hatte ich fast vergessen, als mir eine Möglichkeit auffiel: ATD Vierte Welt in Treyvaux.


Nie hätte ich gedacht, dass mir eine Zivildienststelle so nahe gehen würde. Mein Blick auf die Armut veränderte sich nach und nach durch die Begegnung mit Basismitgliedern an Kreativtagen, an einem Sommerlager und mit Familien bei einem Ferienaufenthalt im Haus in Treyvaux. Ich entdeckte Menschen mit einer ausserordentlichen Ausdauer und Kraft, um zu leben und mit der Bewegung das Unrecht zu bekämpfen, das sie selber erfahren hatten oder noch erfahren. Die Gespräche mit den Volontariatsmitgliedern beim Essen sowie der morgendliche Austausch im Jugendbaulager begleiteten diese Begegnungen und liessen mich und meine Gedanken reifen.

ATD – „Agir Tous pour la Dignité“ – oder zu deutsch: Gemeinsam für die Würde aller

– das möchte ich in meinem Einsatz mit dieser Bewegung und  in allen Bereichen meines Lebens verwirklichen. A steht auf Französisch für Agir,  deutsch: Handeln. Wie oft bin ich passiv geblieben oder habe nicht geholfen? «Handle!» ruft dazu auf, meinen Komfort, meinen Stolz und mein Versagen zu über-winden und einen Schritt hin zu meinem Nächsten zu tun. 

Und dann das Wort „Tous“, zu deutsch: Alle (oder hier: Gemeinsam) Ich kann nicht allein handeln. Ich muss mich mit Menschen zusammentun, um uns gegenseitig zu ermutigen und beizustehen. Persönlich finde ich diese Unterstützung bei meiner Frau, bei meinen Freunden und auf besondere Weise bei Gott. 

Schliesslich das Wort „Dignité“ – Würde -, das bestätigt, dass ich nicht im Leeren handle. Ich lenke meinen Blick auf ein Ziel, das erreicht sein wird, wenn jeder Mensch anerkannt wird und sich im Wort „Würde“ erkennen kann. Ist das Wahn oder Hoffnung? Ich möchte hier die Verbindung machen zu meinem Glauben. Ich glaube, dass der Gott, der den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat, diesem eine unbeschreibliche Würde gegeben hat, die ihm von nichts und niemandem genommen werden kann. 

Sich für die Würde einzusetzen, ist ein Ziel, aber auch ein Weg, auf dem ich Schritt für Schritt versuche, meine Haltung und mein Tun zu verändern. ATD Vierte Welt ist die Art und Weise, wie ich als engagierter Christ, und auch einfach als Mensch, leben will.

Ich beteilige mich gegenwärtig an der Entwicklung einer Jugenddynamik der Bewegung in der Schweiz. Unter jungen Menschen, die sich ähnliche Fragen zu Armut und Einsatz stellen, wollen wir Verbindung schaffen.  Ich bin gespannt auf das, was mir die Zukunft noch bringen wird!

Micha Weiss