Eindrücklicher Austausch zum Thema „Identität“

Am 19.Juni hat zum dritten Mal im Rahmen des Projekts „Armut-Identität-Gesellschaft“ eine Volksuniversität Vierte Welt stattgefunden. Im Zentrum der diesjährigen Ausgabe stand das Thema der persönlichen und kollektiven Identität.

Seit 2019 findet im Rahmen des Projektes „Armut-Identität-Gesellschaft“ jährlich im Sommer eine Volksuniversität Vierte Welt statt, bei der Menschen mit Armutserfahrung aus der ganzen Schweiz zusammenkommen und ihr Erfahrungswissen zum Ausdruck bringen können. Während Wochen und Monaten haben sich diese Menschen in 13 grösseren und kleineren Gruppen in 11 Regionen der Schweiz (Aigle, Basel, Bern, Bulle, Freiburg, Genf, La Chaux-de-Fonds, Lausanne, Rorschach, Winterthur und Yverdon) auf diesen Tag vorbereitet. Dabei haben sie sich die folgenden Fragen gestellt:

  • Was macht meine persönliche Identität aus? Wie/als wer möchte ich von den anderen wahrgenommen werden?
  • Was brauchen wir, um uns selber sein zu können und anerkannt zu werden durch die Institutionen und die Gesellschaft?

Am 19. Juni sind ungefähr 60 TeilnehmerInnen in diesen Gruppen zusammengekommen, um ihre Überlegungen mit den anderen Personen zu teilen und ein Wissen aufzubauen, das kollektiver Natur ist und so hilft, strukturelle Problematiken im Zusammenwirken mit Institutionen aufzudecken. Dieses Wissen soll dazu beitragen, im Rahmen des Projekts „Armut-Identität-Gesellschaft“ der Frage nachzugehen, was es möglich macht, dass armutsbetroffene Menschen in ihrem täglichen Kampf gegen Armut und insbesondere im Zusammenwirken mit Institutionen als vollwertige Akteure anerkannt und unterstützt werden können.

Obwohl der Anlass aufgrund der Corona-Pandemie in hybrider Form (eine Mischung aus Treffen vor Ort und Treffen per Videokonferenz) stattfinden musste, ist ein angeregter Austausch entstanden. Die vielen reichhaltigen und tiefgehenden Diskussionen des Tages ermöglichten ein besseres Verständnis, welche Rolle Identität im Leben armutsbetroffener Menschen spielt und was es bedeutet, wenn diese von Institutionen und/oder der Gesellschaft nicht anerkannt oder fremdbestimmt wird. Die nachfolgenden Aussagen von AktivistInnen, die an der Volksuniversität teilgenommen haben, unterstreichen dies eindrücklich:

Wenn man den Fluss in ein Betonbett leitet, wird er irgendwann mal über die Ufer treten und es gibt eine Überschwemmung. Wenn Identität in ein Betonbett gehackt wird, explodiert diese auch irgendwann. Mit „Renaturierung“ meinen wir, dass man sein kann, wie man ist, und dass man ganz sicher, indem dass jeder seine Individualität einbringen kann, besser zum Ziel kommt als in einem Betonbett.

Diese Gesellschaft unterdrückt uns, hindert uns daran uns selbst zu sein, hindert uns daran zu sagen, was wir sagen wollen! Sie lassen uns nicht zu Wort kommen. Aber wir haben das Recht zu sprechen. Und solche Rechte sind es, für die wir kämpfen müssen.

Wir müssen ein gewisses Gleichgewicht finden zwischen der Art und Weise, wie wir uns den Institutionen präsentieren und uns nicht zurückziehen und unsere Identität verleugnen.

Allein erreichen wir nichts. Wir müssen uns ablösen, uns gegenseitig Kraft geben, zusammen sein.

Wir werden unterschätzt, aber wir haben Ressourcen, von denen die Leute nichts wissen. Und wir haben festgestellt, dass wir oft etikettiert werden aber in Wirklichkeit nicht unbedingt dem Etikett entsprechen, das man uns gibt. Und dass wir eine phantastische Widerstandsfähigkeit haben.

Diese und weitere Punkte werden auch im Zentrum stehen, wenn eine Gruppe von VertreterInnen der Volksuniversität Vierten Welt im November dieses Jahres an der Wissenswerkstatt mit Personen aus der Berufspraxis und der Wissenschaft zusammenkommt um das Thema weiter zu vertiefen.

Michael Zeier, schweizerische Koordination

Bilder-Volksuniversität-Vierte-Welt 2021.pdf