Eine digitale Volksuniversität Vierte Welt

Die Volksuniversität Vierte Welt ist ein Anlass, bei dem sich armutserfahrene Menschen zu einem Thema austauschen, voneinander lernen und ein kollektives Wissen aufbauen. Dieser Anlass ist fester Bestandteil des Projekts «Armut-Identität-Gesellschaft», welches die Bewegung ATD Vierte Welt von 2019-2021 mit Unterstützung des Bundesamtes für Justiz durchführt. Aufgrund der Corona-Situation hat sich die Volksuniversität dieses Jahr neu erfinden müssen und hat in digitaler Form stattgefunden. 

Vergangenes Jahr hatte die Volksuniversität unter der Teilnahme von ca. 80 Menschen mit Armutserfahrung im nationalen Zentrum in Treyvaux stattgefunden. Als im Frühjahr 2020 klar wurde, dass eine physische Durchführung analog dem vergangenen Jahr nicht möglich sein würde, musste die Koordinationsgruppe der Volksuniversität kreativ werden. 

Wie kann ein solcher Anlass inmitten der Corona-Pandemie und unter Einhaltung strikter Hygienemassnahmen durchgeführt werden?

Das Resultat war schliesslich beeindruckend und unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der die involvierten Personen und die Bewegung ATD Vierte Welt an das Projekt herangehen und zu einer tatsächlichen Veränderung beitragen wollen: An 13 Orten in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz haben sich Menschen in kleinen Gruppen zusammengetan und auf die Volksuniversität vorbereitet. Thematisch ging es in dieser Volksuniversität darum zu verstehen, wie Kontrolle, Macht und Abhängigkeit im Zusammenwirken mit Institutionen und Behörden von armutsbetroffenen Personen erlebt werden, und darum zu erarbeiten, welche Veränderungen nötig sind, damit sich armutsbetroffene Personen in dieser Beziehung als Akteure anerkannt fühlen. Schliesslich haben sich 12 dieser regionalen Gruppen am 20. und 27.Juni per Videokonferenz mit den anderen Gruppen nach Sprache zusammengeschlossen und ausgetauscht. Welch eindrückliche Erfahrung für alle Beteiligten! Eine Moderatorin kommentierte berührt: 

«Es war bewegend, nach all den Vorbereitungen am Tag X auf den Bildschirm zu schauen und mir zu sagen: Das wars, wir sind angekommen!»

Eine neue Erfahrung, die Mut macht

Während am Vormittag jede Gruppe ihre Erkenntnisse aus den Vorbereitungstreffen anhand von Bildern und Schlüsselbegriffen präsentieren konnte, wurden am Nachmittag einzelne Elemente im Dialog zwischen den Gruppen vertieft. Die Intensität und das Engagement der Gruppen waren sehr hoch. Bei der bildlichen Umsetzung in Form von Symbolen sowie den dazu gehörenden Stichworten, konnten sich praktisch alle beteiligen. Auch wurde die Wichtigkeit deutlich, dass vor, zwischen und nach den Sequenzen per Videokonferenz immer wieder die Möglichkeit bestand, sich physisch in der lokalen Gruppe auszutauschen. Eine gute Vorbereitung und Begleitung waren essenziell für den produktiven Austausch, weil es ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen ermöglichte. Einzelne Teilnehmende konnten sich diese Art von Volksuniversität anfänglich nicht vorstellen, waren aber vom Resultat positiv überrascht. Einige erlebten sogar zum ersten Mal eine Videokonferenz. Ein Teilnehmer, der zuvor noch nie an einer Videokonferenz teilgenommen hatte, sagte:

«Alle Gruppen auf demselben Bildschirm zu sehen, ist ein Ausdruck der Einheit, der ermutigt und Kraft gibt.»

Ein konzentrierter Austausch mit Tiefe

Obwohl diese Durchführung in vielen Belangen eine Herausforderung war, brachte sie auch überraschende Vorteile mit sich. So ermöglichte dieses Format, dass die teilnehmenden Personen mit einer grösseren Aufmerksamkeit bei der Sache waren, als es bei einem physischen Treffen möglich gewesen wäre. Für die Moderationsperson war es zudem einfacher, mit dem Wissen über die Inhalte der Vorbereitungstreffen, den passenden Personen das Wort zu geben. Bei der Volksuniversität Vierten Welt ist eine gewisse Disziplin notwendig, um den Dialog zu einem Thema zu fördern und nicht nur aufeinanderfolgende Zeugnisse abzulegen, um sich im Zuhören zu schulen und auf Aussagen anderer einzugehen. Auch die Tatsache, dass uns die Corona-Pandemie dazu gezwungen hat, sich in Kleingruppen per Telefon, WhatsApp oder physisch vorzubereiten, stellte sich als Glücksfall heraus: Der Umstand, in einem vertrautem Rahmen miteinander zu sprechen, gab den Treffen eine andere, intimere Atmosphäre und ermöglichte es, einfacher Vertrauen aufzubauen und ein Thema zu vertiefen. Eine Gruppe ist gar aus einer Situation im Zusammenhang mit der Pandemie entstanden : Mehrere Frauen tauschten sich wöchentlich per WhatsApp aus, am Anfang um sich Mut machen und nicht verrückt werden, später um über das Thema der Volksuniversität zu sprechen, weil sie zu der Zeit genau solche schwierigen Situationen im Zusammenhang mit Institutionen erlebten. Eine Person, die mitgeholfen hatte, die Volksuniversität lokal vorzubereiten, war beeindruckt:

«Die Teilnahme an der Volksuniversität und die Vorbereitungszeit in der Gruppe haben mir verständlich gemacht, wie sehr die Menschen mit Armutserfahrung, weit über ein Zeugnis hinaus, eine sehr ausgeprägte Analyse- und Reflexionsfähigkeit besitzen. Sie kommt nicht aus allgemeiner Gesellschaftskritik, sondern aus der Erfahrung eines jeden Menschen, die mit anderen verbunden ist.»

Die Basis für den weiteren Verlauf des Projekts

Dieser Erfahrungsschatz und diese Reflexionen stellen nun die Basis dar für den nächsten Schritt des Projekts dar, wenn im November diesen Jahres zum zweiten Mal Menschen aus der Berufspraxis, der Forschung und Menschen mit Armutserfahrung zusammenkommen, um im Rahmen der Wissenswerkstatt ihr Erfahrungswissen zu kreuzen. Mit dem Ziel, durch das Zusammenbringen der verschiedenen Arten von Wissen, gemeinsam herauszuarbeiten, was es möglich macht, dass armutsbetroffene Menschen in ihrem täglichen Kampf, und insbesondere im Zusammenwirken mit Institutionen, als vollwertige Akteure anerkannt und unterstützt werden können.

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