Eine Stimme, die es zu hören gilt

Foto: Andréa an der Video-Konferenz von Basismitgliedern der Bewegung ATD Vierte Welt aus der Schweiz und Burkina Faso zu ihrer Realität und Solidarität in der Coronakrise. 

Andrea, die sich in diesem Artikel äussert, gehört zu jenen Eltern in unserem Land, welche die Fremdplatzierung ihrer Kinder erleben und kein Recht mehr haben, den Wohnort ihrer Kinder zu bestimmen.

Während der Ausgangssperre in der Coronazeit mussten die meisten dieser Kinder im Heim bleiben, ohne Recht auf Besuche. 

Zusammen mit andern Eltern schrieben wir Frau Sommaruga,

der Bundespräsidentin, denn wir wollten, dass der Bundesrat einen Entscheid treffe bezüglich unserer Situation. Ich konnte mir nicht vorstellen – wenn das sechs Monate lang dauern sollte – meine Kinder sechs Monate lang nicht zu sehen !

Fähig, Verantwortung zu übernehmen

In der Coronazeit spürte ich noch stärker, dass wir nicht als verantwortungsbewusste Eltern gesehen wurden. Man spürte es erneut: Die Erzieher wissen, was sie tun, es ist ja ihr Beruf. Man hat Entscheidungen getroffen, ohne uns zu fragen, wie wir diese Krise erleben, wie wir auch bei uns Desinfektionsmittel einrichten. Auch wir waschen die Hände und können Schutzmassnahmen verstehen.

Man hat immer das Gefühl, dass man uns nicht alles sagt, dass man uns Sachen verschweigt. 

Mein Vater wurde fremdplatziert, ich selber wurde fremdplatziert und meine Kinder auch. Ich habe Angst für meine Kinder, dass man ihnen später, als Eltern, ebenfalls ihre Kinder wegnimmt. Dieser Teufelskreis muss aufhören. 

Unsere Kinder über Videokonferenz sehen zu können, das war für uns Eltern ein harter, aber wichtiger Kampf in dieser Coronazeit. Acht Wochen lang ohne uns zu sehen, nur zu hören, ohne Sichtkontakt, einmal nur mit Skype! Dabei habe ich von Anfang an alles getan, um Skype zu installieren. Ich musste einen Computer finden und ihn bedienen lernen. Über WhatsApp war es anders, ich konnte meine Mädchen nicht zusammen sehen. Warum haben die Heime nicht von Anfang an dafür gesorgt, dass wir die Video-Konferenz regelmässig und wie selbstverständlich benützen konnten?

Die Erzieher haben versucht, auch von ihrer Seite her gute Sachen zu machen. Sie haben zum Beispiel den Moment des Wiedersehens mit unseren Kindern am Freitag vor dem Muttertag gefilmt. Wir hatten alle Freudentränen in den Augen! 

Zu Veränderungen beitragen

Wie können wir miteinander Verbesserungen und notwendige Veränderungen herbeiführen? Wenn die Verantwortlichen die Eltern wirklich angehört hätten, dann hätten sie dafür gesorgt, dass wir miteinander reden können – die verschiedenen Ämter, die Angestellten und wir – um miteinander diese Situation zu verbessern. 

Ich bin froh, dass ich an der Volksuniversität Vierte Welt mitmachen kann. Dort kann man sich mit andern Eltern, die gleiche Erfahrungen machen, verbinden, sich nicht allein fühlen und über unsere Rechte reden. Zudem tauscht man sich mit Fachleuten und Gelehrten aus, um besser zu verstehen, was wir mit den Institutionen erleben und um selber als Menschen, die etwas verändern und zum Wohl aller handeln können, wahrgenommen zu werden. Leider hat das, was wir während dieser Coronazeit erlebt haben, unser Vertrauen in die Institutionen um eine Stufe zurückgesetzt. Es wieder aufzubauen, wird Zeit brauchen.

Unsere Stimme hören lassen

Am Radio zu reden, hat mir Vertrauen gegeben: Ich weiss, was ich wert bin, ich bin ein Mensch und eine Mutter wie andere auch. Ich kann sagen, was ich denke. Früher behielt ich alles für mich. Nun habe ich es gewagt, den Mund aufzutun, eine andere Meinung zu haben, meinen Charakter zu zeigen und meine Ideen und Meinungen zu äussern. Gleichzeitig hatte ich Angst, kritisiert zu werden. Aber ich erhielt gute Rückmeldungen und Unterstützung von meinen Freundinnen. Auch von den Fachpersonen erhielt ich einige Rückmeldungen, aber vorerst keine neue Art der Fortsetzung unseres Gesprächs. Ich hoffe, das wird noch kommen. 

Auch uns an die Bundespräsidentin zu wenden, war wichtig, und nun so schnell diese Antwort von ihr zu erhalten:

„(…) Was Menschen in dieser Pandemie erlitten haben, kann man nicht einordnen, aber der Schmerz der Eltern, die von ihren Kindern auf unbestimmte Zeit getrennt sind, ist wohl einer der grössten.(…)“

Frau Sommaruga, die Bundespräsidentin

Was ich morgen nicht mehr will 

Von meinen Kindern komplett getrennt sein,
obwohl ich tief innen weiss, dass ich nichts Schlechtes tue,
aber es bleibt das Gefühl, meine Kinder im Stich zu lassen.
Dieses Gefühl des Fallenlassens, das will ich morgen nicht mehr!

Andréa Saffore