Eine „Volksuniversität“ als Start zu einem dreijährigen Forschungsprojekt: „Armut – Identität – Gesellschaft“

Am 2. Juni 2019 haben sich über 80 Personen verschiedener Generationen aus zehn Orten der deutsch- und französischsprachigen Schweiz in Treyvaux FR zusammengefunden, um ihre Erfahrungen auszutauschen und ein gemeinsames Wissen zu schaffen.

Anlass dafür war eine „Volksuniversität Vierte Welt“, welche im nationalen Zentrum der Bewegung ATD Vierte Welt stattgefunden hat. Die Volksuniversität ist ein Ort des Dialogs und des gegenseitigen Lernens zwischen Menschen mit Armutserfahrung. In diesen Treffen zu einem Thema oder einer bestimmten Frage kann sich jeder darin üben, vor anderen Menschen eine Meinung oder einen Gedanken zu äussern und seine Sicht über die besprochenen Themen zu erweitern.

An diesem Tag stand die Frage im Zentrum, was es für das Erwachsenwerden bedeutet, wenn man in ärmlichen Verhältnissen oder von den Eltern getrennt aufwächst, und was dazu führt, dass Armut und Ausgrenzung teilweise von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Diskussionen waren sehr bewegend und haben einen enormen Erfahrungsschatz zu Tage gebracht, voller Schmerz aber auch voller Widerstandskraft und Energie. Im zweiten Teil des Tages war Sergio Devecchi, ehemaliger Heimleiter und Präsident von Integras, dem Schweizerischen Fachverband für Sozial- und Sonderpädagogik, zu Gast. Devecchi, selber in einem Heim aufgewachsen (Heimweh – vom Heimbub zum Heimleiter, Stämpfli Verlag), begegnete den anwesenden Personen mit grosser Sensibilität und trug durch seine eigene Geschichte und seine Erfahrungen viel dazu bei, dass der erlebte Tag allen Anwesenden Kraft und Mut gab, ihren Weg weiterzugehen und aus dem Schweigen zu treten. 

Die Volksuniversität stellte zudem den Start für ein dreijähriges, vom Bundesamt für Justiz unterstütztes Forschungsprojekt mit dem Namen „Armut – Identität – Gesellschaft“  dar. Dieses Projekt soll dazu beitragen, dass sich institutionelle oder gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und in der Geschichte erlebte Gewalt nie mehr wiederholen. Es soll helfen, Geschichte und Gegenwart besser zu verstehen, um so zu einer Entwicklung der Praktiken von heute und morgen beizutragen, für eine Gesellschaft, die niemanden zurücklässt. Das Besondere an diesem  Forschungsprojekt ist, dass es in jedem Schritt vom Wissen armutserfahrener Personen ausgeht und damit in seiner partizipativen Form ein Modell darstellt, wie sich Menschen mit Armutserfahrung an nationalen Forschungs- und Entscheidungsprozessen beteiligen können. So wird Ende November dieses Jahres eine „Wissenswerkstatt“ stattfinden, an der das Erfahrungswissen von armuts-erfahrenen Personen mit dem Wissen von Berufstätigen aus Praxis und Forschung zusammengebracht wird. Denn nur gemeinsam und unter Miteinbezug des Wissens von jenen Menschen, die durch ihre alltäglichen Erfahrungen die grössten Experten sind, kann einer Problematik wie der Armut tatsächlich nachhaltig begegnet werden. 

Michael Zeier