Einen Diskurs in Institutionen und Hochschulen anregen

Es ist wie beim Malen eines Gemäldes: Am Anfang weiss man nicht recht, aber dann lebt man es, man taucht darin ein.

Alain Meylan, Aktivist Vierte Welt

Für ATD Vierte Welt sollen das Projekt «Armut-Identität-Gesellschaft» und die Erkenntnisse, die daraus hervorgehen, einen Diskurs in Institutionen und Hochschulen anregen. Einzelne TeilnehmerInnen haben das Projekt bereits im Rahmen der Fachhochschulen für Soziale Arbeit in Freiburg und Lausanne vorstellen können. Alain Meylan und Maria-Theresia Hajnal aus der Gruppe Erfahrungswissen der Armut sprechen über ihre Teilnahme am Projekt und die Erfahrung an den Hochschulen.

Was motiviert euch, an diesem Projekt mitzumachen?

Maria-Theresia: Meine Motivation ist, dass sich gesellschaftlich etwas verändert. Dass sich die Stigmatisierung der Armut verändert, dass es anders angeschaut wird.

Alain: Das ist das erste Mal, dass ich ein Projekt sehe, bei dem alle Parteien dabei sind. Diejenigen, die die Armut erlebt haben, die Wissenschaftler, die Praktiker. Wir versuchen, der Person zuzuhören, zu verstehen was gesagt wird, zu synthetisieren, eine Antwort zu finden.

Weshalb ist es wichtig, verschiedene Arten von Wissen zusammenzubringen?

Alain: Man kann nicht über etwas sprechen, das man nicht kennt. Es geht darum die andere Seite des Problems zu sehen, was sie erleben. Es hat mich berührt, Menschen zu sehen, die Dinge gesagt haben, die mir nicht bewusst waren. Es ermöglicht uns vorwärts zu kommen. Wir versuchen zu verstehen um eine Lösung zu finden, ohne einander anzugreifen. Auch Menschen die Armut selber erlebt haben, sollten nicht anderen die Schuld geben. Das System ist fehlerhaft, nicht die Menschen.

Maria-Theresia : Das kollektive Zusammenarbeiten ermöglicht es, dass man die Position des anderen sieht und versteht – ich finde das sehr bereichernd. Man muss aber auch verschiedene Vorstellungen loslassen können.

Was macht es möglich, einander auf Augenhöhe begegnen zu können?

Maria-Theresia: Ich brauche Leute um mich herum denen ich vertrauen kann, einen sicheren Rahmen, Empathie, damit ich mich öffnen kann. Das sind die Grundelemente. ATD empfinde ich als einen vertrauenswürdigen Ort an dem man sich sicher fühlen kann und darf, in dem auch Kritik Platz hat, ein respektvolles Umgehen miteinander.

Alain: Im nationalen Zentrum in Treyvaux, da fühle ich mich zuhause. Dort wird man nicht beurteilt, man kann sein wer man ist, mit Respekt für jeden einzelnen. Persönlich gesagt habe ich die Familie getroffen, die ich nicht hatte. Ich fühle mich wohl, es ist mir nicht peinlich. Als ich das erste Mal kam, dachte ich «was mache ich auf einem Bauernhof?», aber dann fühlte ich ein starkes Wohlwollen. Ich hatte negative Erinnerungen (von Zwangsarbeiten als fremdplatziertes Kind), aber ich war in der Lage, sie zu transformieren.

Wie empfindet ihr es, vor angehenden Sozialarbeitenden über das Projekt zu sprechen?

Maria-Theresia: Ich finde es wichtig. Weil sie müssen wissen und spüren wie es Menschen geht die in Armut leben, die sich weder gestützt noch unterstützt fühlen. Es gehört zu einem Lernprozess, dass man sich selber, aber auch der Person gegenüber, die man begleitet, offen und ehrlich ist, und empathisch entgegentreten kann, die Person dort abholen kann wo sie steht.

Was nehmt ihr persönlich aus dem Projekt mit?

Maria-Theresia : Es schafft die Möglichkeit sich selber zu reflektieren. Wo stehe ich, was denke ich über mich, über meine Situation, was müsste sich ändern? Was brauche ich vom andern, damit eine Veränderung stattfinden kann?

Alain: Das Projekt gibt mir eine Lebenserfahrung, ein Gefühl, nützlich zu sein, an einer besseren Zukunft für die Welt mitzuwirken. Es ist eine grosse Ehre. Ich habe wirklich das Gefühl zu existieren. Es ist wie beim Malen eines Gemäldes: Am Anfang weiss man nicht recht, aber dann lebt man es, man taucht darin ein.