Guy-Olivier Segond : ATD Vierte Welt verliert einen grossen Freund

Bild: Nach dem Treffen mit UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali 1996, dem internationalen Jahr zur Überwindung der Armut

Der engagierte Politiker Guy-Olivier Segond hatte erkannt, dass die Überwindung umfassender Armut eine sowohl lokale als auch internationale Aktion erfordert. Wir verdanken ihm besonders unseren Standplatz in Genf, das Haus Joseph Wresinski.

Guy-Olivier Segond und die Bewegung ATD Vierte Welt: eine lange und reichhaltige Geschichte, angefangen am 25. Mai 1981 in Bern anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „30 Jahre Geschichte der Kinder der Vierten Welt“. Als Präsident der nationalen Jugendkommission vertrat er dort den Bundesrat und sagte:

„Diese Ausstellung vermittelt eine Botschaft der Hoffnung, denn diese Kindergesichter sagen uns, wie sehr das Elend dem Menschsein widerspricht. Sie rufen uns auf, uns zu engagieren, um diese Realität der Not in unserem Land zu zerstören. Ich wünsche und hoffe, dass diese Ausstellung sowie die andern Initiativen der Bewegung ATD Vierte Welt dazu beitragen, ein Konzept der Demokratie zu fördern, das die Lage der Ausgeschlossenen als Mass für Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit nimmt.“

Das waren nicht nur situationsbedingte Worte! Sie widerspiegeln einen Mann der Tat, der seine Treue zu den wesentlichen Werten und eine ausserordentliche  Arbeitskraft bewiesen hat. Sein Leben lang hat er sich auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene wie auch international zugunsten der am meisten Benachteiligten eingesetzt. Persönlich und mit politischen Institutionen hat er aktiv zum Erfolg mehrerer Initiativen der Bewegung ATD Vierte Welt beigetragen. 

Sein Treffen mit Joseph Wresinski im Jahr 1984 hat ihn überzeugt, im Internationalen Jahr der Jugend 1985 das Treffen von tausend Jugendlichen aus vier Kontinenten im Internationalen Arbeitsamt zu unterstützen. Er vertraute der Jugend: 

„Ich bin einverstanden mit Ihnen, die Jugendlichen sind kein Problem, sofern es unseren Gesellschaften gelingt,  allen Jugendlichen das Beste an Ausbildung, Studium, würdiger Arbeit und gewiss auch an Beherrschung der neuen Technologien zu offerieren.“

Er hatte die Notwendigkeit erkannt, sowohl lokal als auch international zu handeln, um der grossen Armut Herr zu werden. Mehrmals hat er den Visumsantrag von ausländischen Volontariatsmitgliedern unterstützt, weil er überzeugt war, dass ihr Einsatz an der Seite der ärmsten Menschen und Familien in einer Stadt wie Genf für den ganzen Kanton und das Land ein Plus darstellte. Für Guy-Olivier Segond hatte das Haus Joseph Wresinski ein Ort zu sein, wo sich Menschen aus den am meisten benachteiligten Vierteln von Genf  und von anderswo mit Regierungsvertretern und internationalen Funktionären  treffen konnten, um Verstand und Mut aller in diesem Einsatz zu mobilisieren. Er hat den Verein der Freunde des Joseph Wresinski Hauses ins Leben gerufen und ihm jahrelang als Präsident gedient. An der Einweihung des Hauses, am 13.Juni 1987, sagte er: 

„Dieses Haus ist ein Symbol für die tiefe Sorge der Genfer Bevölkerung um die Familien in grosser Armut und für ihren Willen, aktiv an der Überwindung des Elends mitzuwirken.“

1996, Guy-Olivier Segond nach dem Treffen mit Boutros Boutros-Ghali an der UNO in Genf 

Im Internationalen Jahr zur Überwindung der Armut anno 1996 fand im Palais des Nations in Genf eine Arbeitstagung mit UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali und Delegierten der Vierten Welt aus vielen Ländern statt. Der Einsatz von Guy-Olivier Segond und die bedeutende finanzielle Unterstützung von Stadt und Kanton Genf trugen viel zum Erfolg dieser Tagung bei. 

Mir bleibt ein Bild: Zum Schluss des Treffens lud Guy-Olivier Segond die ganze Delegation zu einer Schifffahrt auf dem Genfersee ein. Er sass unter uns, als er plötzlich ausrief: «Aber was ist da los? Seht ihr es nicht? Der Springbrunnen läuft ja nicht!» 

Und schon sprach er in sein Telefon:

«Was, es hat zu viel Wind? Es macht nichts, wenn es sich ein wenig bewegt. Stellt ihn an! Es ist wichtig, es ist für die Vierte Welt!»

Bewegen soll es sich! Das passt zu ihnen, Guy-Olivier Segond! Jugendliche, Frauen und Männer, aus Genf und allen Teilen der Welt, tragen Sie für immer in ihren Herzen!

Eugen Brand
Ehemaliger  Generaldelegierter
der internationalen Bewegung ATD Vierte Welt