In Armut leben bedeutet, abseits der Menschenrechte zu leben

Moraene Roberts

Andere Ansichten, gleiche Fragen und gleiche Herausforderungen. Der folgende Text, den Moraene Roberts in 2016 verfasst hat, befragt die Verbindung von Armut und Menschenrechten in Grossbritannien. Er widerspiegelt gut unsere eigenen Anliegen in der Schweiz und zeigt einen wesentlichen Aspekt von ATD Vierte Welt auf, nämlich: Wir bilden eine internationale Bewegung.

Im Sommer 2015 besuchte unsere Projektgruppe Der Armut eine Stimme geben1 eine Ausstellung, die in der British Library zur Feier von 800 Jahren Magna Charta2 stattfand. Wir wollten der Verbindung zwischen Menschenrechten und Armut nachgehen.

Warum Menschenrechte?

Warum Menschenrechte? Weil es leicht ist, Menschen in Armut ihre Rechte abzusprechen, da sie keine Kraft mehr haben, diese zu verteidigen. Wir armutserfahrene Menschen haben alle diese Verleugnung erlebt. So sagte jemand von uns: „Zu wenig Leute kümmern sich um die Rechte der andern. Viel zu viele kümmern sich nur um ihre eigenen Rechte. Wir müssen viel mehr tun, um sicherzustellen, dass die Rechte von Menschen, die weniger Glück haben im Leben, geschützt und nicht verletzt werden.“

Deshalb müssen wir lernen, woher die Menschenrechte kommen, und was sie heute bedeuten. Nach einem Jahr mit vielen Versammlungen und Diskussionen, die uns geholfen haben, miteinander und voneinander zu lernen, kehrten wir an den Anfang zurück, nämlich zur Magna Charta. So nahmen wir Kurs auf Runnymede, wo König Johann Ohneland im Jahr 1215 die Magna Charta unterzeichnet hatte. Dort befindet sich ein kleines Denkmal und nicht weit davon entfernt zwölf Stühle aus Bronze, die zwölf Mitglieder einer Jury darstellen. Die Stühle sind mit Bildern geschmückt und mit Worten zur Gerechtigkeit, welche zeigen, wie Ereignisse und Menschen ihre Zeit geprägt haben, über Jahre hinweg.

Zwölf bronzene Stühle fur zwölf Geschworene, Runnymede, England
Zwölf bronzene Stühle fur zwölf Geschworene, Runnymede, England

Gerechtigkeit: Ein allzu oft verweigertes Menschenrecht

Wir besprachen miteinander, welches Bild uns am meisten berührte. Fast alle nannten das Bild der Waage von Ma’at, der Göttin der Wahrheit und der Gerechtigkeit. In der folgenden Diskussion kam klar zum Ausdruck, dass der Zugang zur Gerechtigkeit überaus wichtig ist. Mehrere Mitglieder spürten, dass Gerechtigkeit ein Menschenrecht ist, das aber armutsbetroffenen Menschen allzu oft verweigert wird. „Auch wenn man uns gewisse Menschenrechte zugesteht, so müssen wir immer noch dafür kämpfen, dass sie korrekt angewendet werden,“ sagte ein junger Aktivist, der an diesem Ausflug teilnahm. Eine andere Person sagte: „Dass wir unsere Menschenrechte kennen, ist wichtig, denn man kann nicht für etwas kämpfen, das man nicht kennt.“ Und zuletzt: „Einem Menschen seine Grundrechte abzusprechen, das sagt eigentlich, er sei es nicht Wert, ein Mensch zu sein.“

Moraene Roberts (1953- 2020), ATD Vierte Welt Grossbritannien Aktivistin

Textanpassung von Perry Proellochs, ATD Vierte Welt Redaktor

Übersetzung von Johanna Stadelmann

1. Das Projekt Giving Poverty a VoiceDer Armut eine Stimme geben – unterstützt Menschen, die in London Armut und Ungleichheit erfahren, ermutigt sie, in ihren Gemeinschaften mitzuwirken und bei Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, mitzureden.

2. Im Laufe der Zeit haben die Menschen die Magna Charta unterschiedlich verstanden. Das erste Dokument (das in der Folge öfter modifiziert wurde) behandelte Streitigkeiten zwischen König Johann Ohneland und seinen Baronen. Mit der Zeit wurde es zu einem Symbol der Freiheit des Volkes und der Begrenzung der Macht des Königs.