Institutionelle Gewalt: die Geschichte darf sich nicht wiederholen!

Zum 17.Oktober, dem UNO-Welttag zur Überwindung von Armut und sozialem Ausschluss, erinnert ATD Vierte Welt daran, dass Armut in all ihren Dimensionen für viele Menschen in der Schweiz ein Dauerzustand ist, für manche schon seit Generationen.

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Von den Studierenden der Freiburger Berufsfachschule für Gestaltung «eikon» für Instagram und Facebook kreiert, ruft dieses Video am Tag des Überwindung von Armut und sozialer Ausgrenzung junge Menschen zum Handeln auf.

ATD Vierte Welt (All Together in Dignity – Gemeinsam für die Würde aller) setzt sich für die Beendigung dieses Zustands ein. Sie koordiniert das laufende partizipative Forschungsprojekt «Armut-Identität-Gesellschaft» (2019-21), das vom Bundesamt für Justiz unterstützt wird. Die Organisation fordert dringend tiefgreifende gesellschaftliche und strukturelle Veränderungen.

«Man hat keine Wahl, man muss oft genau dies und das befolgen, sonst bekommt man keine Unterstützung. Es ist sehr erzieherisch und man muss quasi Rechte abgeben.»

Vierte-Welt-Aktivistin im Rahmen des Projekts «Armut – Identität – Gesellschaft»

«Wir werden nicht als verantwortliche Eltern gesehen. Entscheidungen werden ohne uns getroffen, als wüssten die besser, was für unsere Kinder gut ist.»

Vierte-Welt-Aktivistin im Rahmen des Projekts «Armut – Identität – Gesellschaft»

«Wir reden die ganze Zeit über Respekt, über die Wertschätzung in den Institutionen, aber in Wirklichkeit fehlt es noch immer. Es gibt immer noch Misshandlungen, es gibt immer noch Menschen, die mit Verachtung behandelt werden.»

Vierte-Welt-Aktivistin im Rahmen des Projekts «Armut – Identität – Gesellschaft»

Seit 1987 kommen weltweit am 17. Oktober die Ärmsten und alle, die mit ihnen Elend und soziale Ausschliessung ablehnen, zusammen und bekräftigen ihre Solidarität und ihr Engagement für die Achtung der Würde und der Freiheit aller. Das von der UNO festgelegte Thema für den 17. Oktober 2020 lautet: «Gemeinsam soziale und ökologische Gerechtigkeit für alle schaffen».

Covid-19 trifft Menschen in Armut hart


Dieses Jahr bringen die Situation und die Massnahmen rund um das Corona-Virus noch deutlicher zum Vorschein, was für viele armutsbetroffene Menschen im Land eine dauerhafte Krise ist.


„Erlebte Gewalt im Zusammenwirken mit Institutionen ist leider heute noch für viele Personen eine schmerzhafte Realität“, erklärt ATD Vierte Welt. Der Bundesrat hat sich 2013 offiziell bei ehemaligen Heim- und Verdingkindern für die «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» entschuldigt, die bis 1981 in der Schweiz praktiziert wurden.

Obwohl sich die Gesetzeslage seither geändert hat, gibt es auch in der heutigen Zeit Menschen, die seit Jahren nicht aus der Armut herauskommen. Sie erleben heutige «Zwangs»-Massnahmen als Kontrolle und Abhängigkeit, die sie  in ihrer Würde verletzen und daran hindern als vollwertige Akteure wahrgenommen zu werden.
„Sehr oft werden Schicksale von Armut und sozialer Ausgrenzung von Generation zu Generation weitergegeben“, betont die Familien- und Menschenrechtsbewegung. Dabei erbringen armutsbetroffene Menschen täglich grösste Anstrengungen, um aus ihrer Situation herauszukommen. Gemäss ATD Vierte Welt werden sie durch strukturelle und institutionelle Barrieren sowie festgefahrenen Stereotypen daran gehindert.

Das Erfahrungswissen der Menschen in Armut einbeziehen


Nachhaltige Veränderungen sind nur durch  Miteinbezug des Wissens armutserfahrener Menschen möglich – sowohl in der individuellen Begleitung, wie auch in der institutionellen Praxis, der Politik oder der Wissenschaft. Im vom Bundesamt für Justiz unterstützten partizipativen Forschungsprojekt «Armut – Identität -Gesellschaft» bringt ATD Vierte Welt Menschen aus Forschung, Berufspraxis und mit Armutserfahrung zusammen, um der Frage nach-zugehen: Was macht es möglich, dass armutsbetroffene Menschen in ihrem täglichen Kampf und insbesondere im Zusammenwirken mit Institutionen als vollwertige Akteure anerkannt und unterstützt werden können?

Der UNO-Welttag zur Überwindung der Armut:
1992 erklärte die UNO-Generalversammlung den 17. Oktober zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut. In ihrer Resolution (47/196, 22. Dezember) begrüsst sie den Entschluss zahlreicher Nichtregierungs- organisationen in vielen Ländern auf Initiative der internationalen Bewegung ATD Vierte Welt, den 17. Oktober als Welttag zur Überwindung von Armut und sozialer Ausschliessung zu begehen. Armut ist eine Verletzung der Menschenrechte (Vgl. die 1948 bei den Vereinten Nationen unterzeichnete gleichnamige Erklärung) und nur ein gemeinsames Vorgehen aller zur Gewährleistung dieser Rechte für alle wird es ermöglichen Armut und soziale Ausgrenzung zu beenden. Jeden 17. Oktober kommen Menschen jeder Herkunft und aller Glaubens-richtungen zusammen, um ihr Engagement zu bekräftigen und ihre Solidarität mit den Armen zu bekunden.

Mehr Informationen:
www.atd-quartmonde.ch/17octobre
www.overcomingpoverty.org

Das Projekt „Armut-Identität-Gesellschaft“:
Das Projekt „Armut-Identität-Gesellschaft“ soll Voraussetzungen schaffen, damit Menschen mit Armuts- erfahrung an den nationalen Forschungs- und Entscheidungsprozessen, die sie direkt betreffen, teilnehmen und ihr Wissen einbringen können. Das vom Bundesamt für Justiz anerkannte Projekt soll zudem gemeinsam mit betroffenen Personen das Verständnis für das Thema „Fürsorge und Zwang“ in der Geschichte und in der Gegenwart vertiefen.

Mehr Informationen:
www.atd-viertewelt.ch/aig

Ereignisse zum 17.Oktober in der Schweiz

Zugängliches Video der Feierlichkeiten auf der ganzen Welt