Jugendwerkstatt: Eine veränderte Sicht auf die Armut

Jugendwerkstatt: Eine veränderte Sicht auf die Armut

Vom 11. bis 17. Juli 2021 nahmen 15 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 28 Jahren an einer Jugendwerkstatt im nationalen Zentrum ATD Vierte Welt in Treyvaux teil. Vormittags Treffen mit AktivistInnen, ständigen VolontärInnen und Verbündeten der Bewegung, um über extreme Armut zu diskutieren, ihre Mechanismen, Kämpfe und Folgen zu verstehen, nachmittags Workshops, Momente der Entdeckung, des Hinterfragens und grosse Begeisterung. Audrey, Daphné, Lou und Quentin sagen aus.

Armut und Hinterfragen

Lou: Ich hatte eine Kindheit unter angenehmen Bedingungen, aber ich spürte, dass nicht jeder dieses Privileg hatte. Das hat mich immer zum Nachdenken gebracht.

Daphne: Bevor ich die Bewegung kennenlernte, hatte ich den Eindruck, dass wir in der Schweiz ein soziales Netz haben: Jeder sollte in der Lage sein, über die Runden zu kommen.

Quentin: Ich habe schon oft gehört, dass es in der Schweiz kaum Armut gibt. Dass diejenigen, die davon betroffen sind, dafür selbst verantwortlich sind: Wenn man da raus will, ist es mit ein bisschen Anstrengung möglich. Aber diese Erklärung erschien mir zu einfach, und ich begann nachzudenken.

Audrey: Auf die Armut wurde ich aufmerksam, als ich als Krankenschwester mit Menschen arbeitete, die auf der Strasse leben. Mir wurde klar, dass es sich dabei oft um Menschen handelte, die seit ihrer Kindheit wiederholte Erschütterungen erlebt hatten. Ihre Entscheidungen schienen mir manchmal paradox zu sein. Ich musste lernen, dass nichts einfach war und dass mir viel entging.

Eine sich verändernde Sicht auf die Armut

Daphne: Heute ist mir klar, dass man nicht freiwillig in Armut lebt. Ich erkenne die Stärke und Ausdauer dieser Menschen an, die kämpfen. Sie werden nicht anerkannt. Diese Leute laufen gegen die Wand: Man kommt nicht vorwärts, man steckt fest, man kann sich anstrengen, so viel man will, es ändert sich nichts. Sie brauchen andere Menschen, die ihnen dabei helfen.

Lou: Nachdem wir diese Menschen gehört haben, können wir sie besser verstehen und respektieren. Zu verstehen, dass Armut eine Realität ist, die geleugnet und über die nicht gesprochen wird. Diese Stille ist sehr mächtig.

Quentin: Wenn es sich um einen Bericht handelt, gelingt es uns, die Armut zu relativieren, sie akzeptabel zu machen. Hier gibt es keine Barriere zwischen uns und der Person, die aussagt: Sie ist ein Mensch, keine Statistik.

Was spricht mich an ATD an?

Audrey: Die Stärke von ATD ist, dass es bei der einzelnen Person beginnt. Wir suchen gemeinsam mit dem Betroffenen nach Lösungen. Mit den Strassenbibliotheken zum Beispiel gehen wir zu den Kindern und ihren Eltern. Ganz nah an ihnen dran, können wir verstehen, was den Kern ihrer Realität ausmacht und vielleicht etwas aufbauen, um das System zu beeinflussen. Für mich ist es genauso wichtig, mit den Menschen zusammen zu sein, wie Politik und Ideen zu verändern.

Lou: Während der Werkstatt haben wir gelernt, zuzuhören, mit ihnen zu arbeiten, ohne für sie zu arbeiten, in gegenseitigem Respekt. Es steht den Menschen frei, sich anzuschliessen und ihren eigenen Weg in ihrem eigenen Tempo zu gehen.

Audrey: Bei ATD geben wir jedem einen Platz um sich auszusprechen, ohne ihn unter Druck zu setzen. Die Menschen sind frei, sich anzuschliessen und ihren eigenen Weg in ihrem eigenen Tempo zu gehen.

Ein entscheidender Moment?

Quentin: Diese Werkstatt hat mir die Realität der Armut vor Augen geführt, und ich kann sie nicht länger ignorieren.

Daphne: Es hat mir die Augen für die Ungleichheit der Chancen geöffnet. Es wird mich dazu bringen, auf bestimmte Schwierigkeiten meiner Schüler und ihrer Eltern besser zu achten.

Lou: Es bedrückte mich oft, wenn ich merkte, dass Menschen nicht die selben Lebensbedingungen genossen haben wie ich. Ich konnte nichts tun, und ich fühlte mich dafür verantwortlich, dass ich nichts tat. In Treyvaux habe ich einen Ort des Wohlwollens entdeckt, in dem konkrete Dinge geschehen, die mit meinen Werten übereinstimmen.

Audrey: Eine Aktivistin hat mir gesagt, dass man ATD selbst entdecken muss. Es stimmt, man muss seine eigenen Erfahrungen sammeln. Man muss es leben. Es ist ein Projekt, das ständige Volontariat, an den ich glaube.

Gespräch geführt und bearbeitet von Perry Proellochs
Übersetzung von Petra Lackner