Jung und neu im Volontariat

Bild: Herr Parfait trägt die Matte der Strassenbibliothek, in Zentralafrika

Simeon Brand spricht hier von seinem Weg zum Volontariat der Bewegung ATD Vierte Welt, einem langfristigen Einsatz an der Seite der ärmsten Menschen. 

Ich entschloss mich ende 2019, dem Langzeitvolontariat der Bewegung ATD Vierte Welt beizutreten. In den vergangenen fünf Jahren konnte ich es beim Herstellen eines Films und von 14 Kurzfilmen kennenlernen, dies mit meinen Eltern, die selber seit 40 Jahren Volontariatsmitglieder sind. Indem ich mich in diesem Projekt einbrachte, wollte ich die Wurzeln ihres Einsatzes besser erfassen.  

Die Frage nach dem Sinn eines Engagements war für mich zu jener Zeit zentral. Schon zur Zeit meiner Ausbildung in Dokumentarfilm, als wir einen Kurzfilm zum Thema « Jungsein heute » drehten, fühlte ich in mir das Kippen von Wunsch und Traum hin zur Realität des Leidens… dorthin, wo die Welt ganz klein wird und keine Versprechen mehr birgt. Diese Frage beschäftigte mich zutiefst. Auch wegen mehrerer Freunde, welche in der Schule schon früh das Versagen gelernt hatten. Als ich sie wieder traf, wurde mir trotz der vergangenen Jahre bewusst, wie sehr in unseren Blicken immer noch dieselbe Grosszügigkeit lag.

Das Grundlegende eines Engagements habe ich über lange Zeit in unseren Ideen und in unseren Taten gesehen. Aber die Bewegung hat mir zu verstehen gegeben, wie sehr das Grundlegende in unseren Beziehungen liegt. Was uns engagiert ist das, was uns als Menschen verbindet. Bei jeder Dreharbeit für den Film habe ich das erlebt.  

Heute fühle ich mich verbunden mit Herrn Parfait, einem sehr armen Mann in Zentralafrika. Jede Woche trägt er die Matte, auf die sich die Kinder dann setzen, zur  Strassenbibliothek. Ich fühle mich mit seiner Kraft und seinem Mut verbunden. Er hat mich das grundsätzliche Recht der Kinder gelehrt, zusammenzusein, ohne Unterschied.  
Ich fühle mich verbunden mit Jean-Marc, der in der Schweiz als fremdplatziertes Kind Gewalt erlebt hat und als Arbeitskraft eingesetzt worden ist. Sein Land hat ihm nie eine Zukunft gewünscht. Ich fühle mich verbunden mit seiner Zärtlichkeit, seiner steten Suche zu lieben und zu verzeihen. Ich fühle mich verbunden mit seinem Schmerz. 
Ich denke auch an Ivanite in Haiti. Am letzten Drehtag wiederholte sie mit grosser Kraft: „Wir wollen Frieden! Schluss mit dem Elend! Wir sagen es nochmals laut und deutlich: Wir wollen Frieden!“ Vor kurzem ist sie gestorben. Ich fühle mich mit ihrem Leben verbunden.

Jede Dreharbeit verbindet mich so mit diesen Menschen, mit den Volontariatsmitgliedern, den Basismitgliedern und den Verbündeten, die mit ihrem Leben und ihren Beziehungen Elend, Verlassenheit, Schande und Verzweiflung zurückdrängen.  

Sich für das Volontariat zu entscheiden, war keine leichte Wahl. 

Um vom Volontariat zu sprechen, benützt der chinesische Philosoph Chen Yue Guang  das Bild einer Person, die ins Wasser springt, um einen Ertrinkenden zu retten. Es braucht Mut, ins Wasser zu springen. Sein Leben mit dem Leben der Ärmsten zu verbinden heisst, seinen Teil Ohnmacht anzunehmen und sich seinen Grenzen zu stellen. 
Was mich zu diesem Schritt ermutigt hat, war ein Satz von Joseph Wresinski, dem Gründer der Bewegung ATD Vierte Welt, auf den ich bei meiner Arbeit im Archiv des schweizerischen ATD-Zentrums gestossen bin:

„Möge 1979 uns daran erinnern, dass wir nicht im Dienste einer Bewegung und eines Volkes sind, sondern vielmehr eine Bewegung mit diesem Volk gestalten.“

Dieser Auftrag, kreativ zu bleiben und immer wieder neue
Vorgehensweisen und neue Wege des Miteinanders zu finden, das verstehe ich als Herausforderung. Mit viel Begeisterung und viel Unbekanntem gehe ich nun vorwärts im Volontariat der Bewegung ATD Vierte Welt.

Simeon Brand
Volontariatsmitglied

Sie können den Einsatz der Langzeitmitarbeitenden mit einem monatlichen Lohnbeitrag unterstützen.