„Keine Armut“: Jugendliche werden aktiv

An der „Aktion 72 Stunden“, die von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) lanciert wurde, machten Jugendliche an vielen Orten der Schweiz mit. In Freiburg und Rorschach setzten sich Gruppen mit ATD Vierte Welt für das erste der Ziele für nachhaltige Entwicklung ein: „Keine Armut“ mehr.

15000 Jugendliche engagierten sich in der Schweiz zwischen dem 16. und 19. Januar 2020. Was für eine Energie !  Tausende von (« guten ») Taten und Tausende von Gelegenheiten zum Nachdenken !

Diese 15000 Jugendlichen waren einverstanden, an der Realisation der 17 Nachhaltigskeits-Ziele der Agenda der UNO 2030 mitzuwirken. Und das erste dieser Ziele ist wiederum die Beseitigung der weltweiten Armut. 800 Millionen Menschen sind weltweit noch stark davon betroffen, davon 600’000 in der Schweiz (mehr als 100’000 Kinder).

Unsere beiden Aktionsgruppen in Fribourg und in Rorschach wollten deshalb das Thema « Armut gibt es auch bei uns » auf schöpferische Art ins Bewusstsein bringen. Denn das Weiterbestehen der Armut in reicheren Ländern hat sehr viel mit Nichtwissen, nicht Hinschauen, oder sich-nicht-vorstellen-können zu tun. Aber auch viel damit, dass sich Menschen in Armut immer noch verstecken müssen.

Beim Vorbereiten merkten sie dann, dass leider nur wenige andere Gruppen das Thema der Armut mit aufgegriffen haben. Umso wichtiger war es, damit fest da zu stehen. Ihre grosse Motivation kam von daher, dass sie aus eigener Erfahrung wussten, wie benachteiligte Jugendliche im Alltag in der Armutsfalle die Kräfte verlieren oder nach und nach untergehen können.

Und es war eine Ermutigung, dass beim Eröffnungsabend in der Fribourger Bluefactory (mit gewichtigen Vertretern aus der Politik) dieses erste Ziel neben den anderen 16 Aktivitäten klar vorgestellt wurde. 

In Rorschach tüftelte das Team an provokativen Aussagen, um die Bevölkerung in einer Ladenstrasse damit zu konfrontieren. Sie hofften, dass dadurch Leute auf ihren Stand zukommen würden. Einer der Sätze hiess : «In der Schweiz sind doch alle Menschen reich.» In Freiburg gingen die Jugendlichen ähnlich vor.

Und am 19. Januar, trafen sich dann die beiden Aktionsgruppen im neuen Lokal der ATD Vierte Welt in Rorschach und tauschten ihre Erfahrungen von 72 Stunden Suche intensiv aus. Man spürte wie die Teilnehmer an diesem Sonntag stark zusammen gewachsen sind. Dabei war es doch eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe, aus ganz verschiedenen Schichten und Altersbereichen ! Romands und Deutschschweizer, aber auch Leute aus Frankreich, Haiti, Cameroun und auch Rasoul, ein kurdischer Flüchtling. 

Ein paar Sternmomente bleiben mir besonders haften. René, der ein Metallschloss zeichnet, wie Verliebte sie in diesen Jahren als Talisman an gewissen Brückengeländern anhängen und dort glitzern lassen… (Ja, solche Treue-Bezeugungen zwischen Menschen suchten wir doch alle letztlich auch !) Doch das kleine Schloss bedeutet für René auch die andere Seite : Menschen die äusserst verschlossen blieben, unnahbar… Renés Sohn, Kevin, drückte dasselbe mit einem zweiten Symbol aus : einem Gesicht, das zwar lacht, aber dunkelrot bemalt… Ist das nun ein Lächeln oder Auslachen?

Maelle insistierte, dass das Wort Armut in der Schweiz banalisiert wird, dass man es nur an der Oberfläche kennt… Dass man sich nicht mehr bewusst ist wieviel an Schmerz, Verzweiflung und Aufbäumen darin versteckt ist. Laetitia, ihrerseits malte lange in sich versunken an ihrem Symbol : dem Phönix aus der griechischen Sagenwelt, der immer wieder aus der Asche aufsteigen und weit hinauffliegen will. (Plötzlich denken einige auch an Australien, wo im selben Moment die Wälder brennen…) Mahel strich es hervor : Wieviele Tiere und Pflanzen sind weltweit schon verschwunden ? Und wie wird der mensch im Sog mit gezogen… ? Doch das Plakat das allen am meisten Kraft gab war wohl jenes von den schwarzen und den goldgelben Sonnengesichtern, die sich langsam begegnen, ins Gespräch kommen, vermischen und nach und nach mehr Licht ind die Welt bringen… 

Noldi Christen 

Du setzt dich ein, Warum?

Freiburg. Im Treffpunkt „au galetas“ im Juraquartier werde ich von vier junge, begeisterungsfähige Menschen empfangen, nämlich Laetitia, Shaun, Malika und Anastasia. Sie denken über Armut nach und sind entschlossen, auch andere Menschen, junge und weniger junge, zum gemeinsamen Überlegen anzuregen. Warum engagieren sie sich in dieser Sache?

„In diesen 72 Stunden kann man von der Armut reden, nicht nur von jener in der Schweiz, sondern auch in der Welt. Not gibt es überall. Sie trifft auch die Stämme Südamerikas und jene von Australien, die in den Wäldern leben, die jetzt brennen. Bevor ich nach Freiburg gekommen bin, habe ich mit Leuten in meinem Dorf geredet. Im Vergleich zu früher gibt es weniger Solidarität. Ich finde es wichtig, etwas zu unternehmen.“       

Laetitia

„Wir wollen, dass man über die Armut nachdenkt. Wir wollen die Leute hieher bringen, damit sie an einem freundlichen Ort über Armut reden können, denn man getraut sich nicht immer, seine Meinung zu sagen. Gestern haben wir in der Stadt unsere Flyers verteilt. Um gegen vorgefasste Meinungen anzugehen, haben wir den Slogan „Sind die Armen reich?“gewählt. Wir haben versucht, uns vor allem an die Jugend zu wenden. Es wird eher von der Armut von Familien und alten Menschen gesprochen, aber von der Armut junger Leute redet man kaum und noch weniger von deren Folgen.“   

Malyka   

„Die Aktion 72 Stunden gibt den jungen Menschen Gelegenheit, sich für etwas einzusetzen, das ihnen wichtig ist. Man muss sich wirklich bewusst werden,  dass alle die Gesellschaft beeinflussen können. Wenn du meinst, dass etwas nicht stimmt, so kannst du es ändern, um dich in deiner Welt wohl zu fühlen. Das hilft dir, nicht allem und jedem ausgeliefert zu sein. Unser Banner am Eingang ist ein Symbol. Ein weisses Tuch als Einladung, die Welt neu zu denken. Einerseits hat man die alte Welt mit den Bildern der Armut, und anderseits will man eine Welt ohne Armut. Auf einem weissen Tuch kann man ausdrücken, was man für unsere Gesellschaft will.“        

Anastasia

„Um miteinander zu leben, muss man teilen, und Not ist ein Thema, das recht viele Leute zusammenbringt. Es ist wichtig, dass man sich Fragen stellt und versteht, was Armut bedeutet. Verstehen alle dasselbe, wenn man von Armut spricht? Kann man andere Worte gebrauchen und es positiv ausdrücken, wenn man von Reichtum spricht? Was kann man tun, um zu erkennen, dass wir alle einen Reichtum besitzen, nämlich jenen des Herzens, des Verstandes und des Könnens, und dass man uns diesen nicht wegnehmen kann? Wie kann man teilen, aufeinander zugehen und sich begegnen?“ 

Shaun

Reaktionen gesammelt von Hélène Cassignol Madiès