Die Krise trifft armutsbetroffene Menschen doppelt: Jetzt und langfristig gemeinsam handeln!

Medienmitteilung , Bern, 6.4.20. Als PDF herunterladen

28 Betroffenenorganisationen und Organisationen aus dem Bereich der Armutsbekämpfung und -prävention haben auf Initiative von ATD Vierte Welt und AvenirSocial eine gemeinsame Stellungnahme verfasst. Sie sind besorgt über die momentane Entwicklung im Zusammenhang mit dem Coronavirus und den daraus folgenden Konsequenzen für armutsbetroffene Menschen. Neben der Formulierung von konkreten kurzfristigen Massnahmen, rufen die Organisationen dazu auf, langfristig und unter Miteinbezug des Wissens armutserfahrener Menschen zu denken und zu handeln.

Im Zusammenhang mit der Coronavirus-Krise haben die unterzeichnenden Organisationen in den letzten Wochen eine Vielzahl an Erfahrungsberichten und Überlegungen von armutsbetroffenen Personen und Familien gesammelt. Diese zeigen auf, dass die Krise diejenigen in unserer Gesellschaft am stärksten trifft, die bereits vorher mit Armut und sozialem Ausschluss konfrontiert waren. Die gegenwärtige Situation wirft ein Licht auf die bereits bestehenden Ungleichheiten und bringt noch deutlicher zum Vorschein, was für viele Menschen im Land eine dauerhafte Krise ist.

Eine Frau erzählt: «Es ist schwer für Menschen, die allein sind, zu Hause zu bleiben – aber was, wenn man gar kein Zuhause hat? Man gibt uns Essen zum Mitnehmen, das ist in Ordnung, aber man ist die ganze Zeit draussen. Alles wurde geschlossen, alle Aktivitäten wurden abgesagt, ich war verloren. Wenn man zu viel Druck hat, schaltet das Gehirn ab, du denkst nicht mehr klar.»

Eine Mutter berichtet: «Als ich meine beiden Kinder ins Kinderheim zurückbrachte, erfuhr ich, dass sie bis am 19. April an den Wochenenden und auch während der Ferien nicht nach Hause kommen können». Die Mutter bricht zusammen. Die Angehörigen erreichen sie nicht mehr und sie kann auch niemanden anrufen, weil sie von mehreren Telefongesellschaften gesperrt wurde und der Kauf von Prepaid-Karten sie ein Vielfaches kostet.

Ein Vater sagt: «Als Elternteil bin ich überfordert, meinen Kindern Erklärungen zu geben, und doch muss ich den Platz des Lehrers einnehmen, wenn ich nicht will, dass sie abgehängt werden. Es ist extrem schwierig und anstrengend, wenn man wenig Wissen hat und die nötige Technik nicht beherrscht. » 

Dies sind Beispiele für unzählige Situationen von gesellschaftlichem Ausschluss, sozialer Ungleichheit und Existenznot, in denen Menschen aktuell leben und mehr denn je ihre Würde bedrohen. Sollte in der kommenden Zeit eine Ausgangssperre in Kraft treten, so würde das die Situation noch einmal drastisch verschlimmern.  Als Organisationen sind wir auch Zeugen davon, wie nun unterschiedliche Formen der Unterstützung und Solidarität entstehen – ganz besonders auch von Menschen in schwierigen Lebenslagen. In der permanenten Krisensituation der Armut haben sie gelernt, sich um andere zu kümmern und sie sind auch in der aktuellen Situation bereit, diejenigen zu unterstützen, die noch stärker betroffen sind als sie selbst. Die gegenwärtige Situation unterstreicht die Notwendigkeit, die Erfahrung und das Wissen armutsbetroffener Menschen vollwertig miteinzubeziehen, um wirksame, existenzsichernde und würdevolle Antworten für alle zu finden. Ihr Beitrag ist unerlässlich, um Formen von Solidarität zu finden, die niemanden zurücklassen. In Krisenzeiten wie heute, aber auch auf längere Sicht.

Das führt uns dazu, gemeinsam erarbeitete Forderungen für eine Verbesserung der Lebenslage armutsbetroffener Menschen zu präsentieren. Diese sollen jetzt rasch und unbürokratisch, wie auch in einem längerfristigen Horizont umgesetzt werden – stets unter Wahrung der Würde der betroffenen Personen:

Die existenziellen Bedürfnisse würdevoll sicherstellen

Jetzt:

  • Sicherstellung von unbürokratischer und niederschwelliger Hilfe für alle Menschen in finanzieller Not – nicht nur karitativer Natur, sondern auch staatlich garantiert (auch für Personen, die auf Einkünfte aus nicht anerkannten oder informellen Tätigkeiten angewiesen sind);
  • Angebot an würdevollen Aufenthalts- bzw. Übernachtungsmöglichkeiten (z.B. Bereitstellung von Hotelzimmern) und öffentlich zugänglichen sanitären Anlagen (WC, Dusche) für Menschen ohne festen Wohnsitz;
  • Freischaltung von gesperrten Stromanschlüssen und temporärer Erlass der Kosten für Menschen, die den Strom nicht bezahlen können;
  • Vollumfängliche Übernahme der Krankenkassen von Arzt- und Behandlungskosten (inklusive Franchise) bei Corona-Fällen für Menschen und Familien mit tiefen Einkommen;
  • Bereitstellung von Anlaufstellen für alleinerziehend Mütter und zusätzliche Unterstützung für Frauenhäuser, an die sich Opfer von Gewalt wenden können.

Langfristig:
Vorantreiben einer nationalen Armutsstrategie, die Menschen in Not ein Leben in Würde garantiert und unter Miteinbezug des Einsatzes und Wissens armutserfahrener Menschen dazu beiträgt, die Armut zu überwinden

Das Wachsen sozialer Ungleichheiten verhindern

Jetzt:

  • Angebot von zusätzlichen Unterstützungsmöglichkeiten für Schulkinder, deren Eltern nicht die nötigen Mittel haben, sie zu Hause bei Schularbeiten zu begleiten;
  • Landesweiter temporärer Verzicht auf generellen Zwang zu Arbeitsbemühungen für Menschen, die von der Sozialhilfe unterstützt werden;
  • Benutzung von vereinfachter Sprache und Übersetzung bei Texten, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind, um sie einer möglichst grossen Zahl von Menschen verständlich zu machen.

Langfristig:
Förderung der Chancengerechtigkeit für alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, unabhängig von Sprache, Herkunft, sozialem Status und Bildungsniveau.

Kommunikationsmöglichkeiten für alle sicherstellen

Jetzt:

  • Aufhebung der Sperrung von Anschlüssen und temporärer Erlass der Gebühren für Telefon und mobiles Internet;
  • Ausstattung von armutsbetroffenen Personen und Institutionen mit technischen Mitteln zur Kommunikation mit Familienangehörigen.

Langfristig:
Umsetzung einer langfristigen Politik gegen die digitale Kluft, die den Zugang aller zu Kommunikations- und Informationsmitteln fördert und verhindert, dass Menschen ausgeschlossen werden.

Diese Krise fordert uns heraus, unsere Kräfte zu vereinen und gemeinsam neue Wege der Solidarität zu gehen und sie zu einem dauerhaften Teil des Lebens unserer Gesellschaft zu machen. Die Gewährleistung der Beteiligung von Organisationen und Menschen mit Armutserfahrung ist dabei aus unserer Sicht essentiell – sowohl in Gremien, die eingerichtet werden in der Krise, wie auch in Bezug auf notwendige zukünftige strukturelle Veränderungen. Mit dem Ziel in Partnerschaft eine Gesamtpolitik zur erarbeiten, die die Menschenrechte tatsächlich für alle verwirklicht.

Die unterstützenden Organisationen:
Association de lutte contre les injustices sociales et la précarité ALCIP | Association pour la Défense des Chômeurs de Neuchâtel ADCN | ATD Vierte Welt | AvenirSocial, Berufsverband Soziale Arbeit Schweiz | Départements solidarité & diaconie de l´Église catholique romaine en Suisse Romande (Kantone Freiburg, Genf, Neuenburg, Waadt, Wallis) | Emmaüs Schweiz | Schweizer Dachverband Lesen & Schreiben| FIAN Schweiz | IG-Sozialhilfe | Kafi Klick | Kirchlich getragene Gassenarbeit Biel | Kirchliche Gassenarbeit Bern | La Marmite | Le pèlerin des rues | Observatoire de la diversité et des droits culturels | Pastorale du Monde du Travail en Suisse Romande PMT | Planet13 | S.Egidio Suisse | Schwarzer Peter | Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH | SUBITA, Mobile Sozialarbeit Winterthur | Surprise | Verein für soziale Gerechtigkeit | Verkehrt

Mehr Informationen:
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Aufruf zur Solidarität mit Menschen in Armut