Leseabend mit Nelly Schenker am 17. Oktober in Rorschach

Der Welttag zur Überwindung der Armut am 17. Oktober 2020 wurde in der Ostschweiz mit zwei Veranstaltungen gekennzeichnet: Einer Ausstellung von bekannten und unbekannten Künstlern im neuen Lokal von ATD Vierte Welt sowie der Lesung von Nelly Schenker aus ihrem Buch „Es langs, langs Warteli für es goldigs Nüteli“.

Rund 30 Personen waren im St.Kolumban-Saal anwesend, trotz Maskenpflicht!

Und zum ersten Mal an einem solchen Abend umrahmten gleich drei Musikerinnen Nelly Schenker beim Lesen aus ihrer Autobiografie. So ergab sich, zusammen mit den ausgestellten lichtvollen Bildern von Urs Kehl, eine sehr schöne Atmosphäre.

Auch die beiden rund zwölfjährigen Kinder im Saal trugen mit ihren Fragen dazu bei:

Wie alt warst du damals im Heim?

Hattest du keine Geschwister und Freunde?

Beide Kinder hatten im Sommer im Haus von Treyvaux Tapori entdeckt. Schnell waren ihnen dabei ihre Erfahrungen des Gemobbtwerdens in der Schule in den Sinn gekommen. Aber auch die wichtige Rolle der Friedensstifter! 

Wie jedes Mal entstand während der Lesung eine respektvolle Stille im Saal, und die ersten Fragen kamen erst nach einer längeren Zeit des Schweigens.

«Wieso haben damals die Zeugen einer solchen Situation einfach weggeschaut?»

«Für uns, meine Mutter und mich, war einfach nie Geld da. Wir zählten nirgends, es war als ob wir nicht existierten, wir waren einfach wertlose, überflüssige Mäuler.»

Nelly Schenker

Eugen Brand fügte an, dass in einer Luzerner Studie von Professor Markus Furrer genau davon die Rede war: Die Heimplatzierung durfte nie viel kosten, und es war keine wirkliche Ambition für diese Kinder da. «Selbst Medikamententeste wurden damals in der Schweiz an fremdplatzierten Kindern ausgeführt,» fügte er später noch an, «und dafür hat sich die Pharmaindustrie bis heute nicht entschuldigt. Es bleibt ein Tabu in unserem Land

Eine anwesende Sozialarbeiterin gab ihrer Sorge Ausdruck, dass es auch heute noch Menschen unter uns gibt, die mit viel zu wenig Respekt behandelt werden.

«Wir müssen aufpassen, nicht nur in die Vergangenheit zu blicken.» 

Im Saal war auch ein Paar, das nicht in den Dialog eingriff, aber aufmerksam zuhörte. Der Mann verbarg sein Gesicht unter einem grossen Hut. Er und seine Partnerin hatten vor rund 20 Jahren, nach dem Verlust ihrer Wohnung, eine Zeitlang in einem Zelt gelebt. Wie auch Nelly vor 40 Jahren, mit ihrem Mann und den zwei Kindern. Am Schluss dankte der Mann für die Lesung. Es seien hier äusserst wichtige Sachen gesagt worden. Irgendwann im Lauf der Lesung hatte er auch seinen Hut abgenommen.

Auch bei den anderen Lesungen waren immer wieder armutsbetroffene Personen im Saal. Oft kamen sie am Schluss diskret zu Nelly, um ihr anzuvertrauen, dass sie, oder ihre Mutter oder ihr Vater, Ähnliches erlebt hatten. Und dass sie nie davon sprechen konnten.

Der Welttag zur Überwindung von Armut und Ausgrenzung gibt dem Mitteilen solcher Erfahrungen Raum. Möge die Erinnerung daran das ganze Jahr über wach bleiben! 

Noldi Christen