Meine Malerei ist eine Art Suchen

Urs Kehl 2020 Toebeli Flawil SG

Urs Kehl, ständiger Volontär seit mehr als 30 Jahren, berichtet über sein Malen. Warum er besonders Quartiere, Gebäude und Orte malt; in welcher Gemütsverfassung er arbeitet; und in welchem Sinne die Würde in seiner Malerei präsent ist.

Das ist es, was mich interessiert

Wenn man meine Malereien anschaut, sind immer bunte Farben dabei. Schon als Kind habe ich gearbeitet, bei Bauern und danach auf dem Bau (Lehre als Elektriker). Da ist soviel Kraft und Schweiss, Freude und Fluchen, wenn ein Haus gebaut wird. Die Arbeiter sind die ersten, die dem Haus Energie geben, und danach sind es die Leute, die es bewohnen und dort ihre Freuden und Sorgen haben. Und das ist in den Mauern irgendwie aufgenommen. Darum kommen vielleicht verschiedene Farben daraus. Das ist es, was mich interessiert. Was war und was ist in diesen Häusern, und vor allem auch dort, wo Leute im Überlebenskampf stehen?

Im Laufe der Jahre habe ich viele Gebäude und Orte gemalt, in Kanada und dann auch in anderen Ländern. Zum Beispiel in der Schweiz rund um Bahnhöfe, wo Menschen ihren Tag verbringen. Ich habe mich mitten unter diese Leute gestellt und gemalt, was sie eben den ganzen Tag sehen. Ein Spital. Gefängnisse. Quartiere wo ich manchmal zuerst Schiss hatte, die Menschen dort zu stören. Viele Häuser auch, wo – ich erfuhr es oft erst später – auch Schlimmes passiert war.

Erzählen ist nicht meine Sache – darum male ich nun.

Wie diese Energie, was alles gelebt wurde, nachher auf das Bild kommt oder nicht, das weiss ich noch nicht. Meine Malereien sind eine Art Suchen. Manchmal finde ich den richtigen Ort, manchmal nicht und gehe dann unverrichteter Dinge nach Hause. Es ist auch etwas, damit ich nicht vergesse. Die Leute und Umstände erzählen mir sehr wichtige Sachen, aber dann sind sie oft wieder wie ausgelöscht. Wenn ich die Malereien später wieder ansehe, kommen mir Details der Begebenheiten wieder in den Sinn.

Ein Kunstlehrer hat mir einmal gesagt, wenn jemand male, sei es nicht einfach etwas zwangloses. Es muss hinaus. Darum soll man ausstellen. Er hat mir total die Skrupel weggenommen, Sachen zu zeigen. Denn man soll zu dem stehen, was man macht. Man soll es nicht für sich behalten!

Was hat meine Kunst mit Würde zu tun?

Ich kann nicht beurteilen, ob Würde in einem Werk drin ist oder nicht. Und ob das was man malt, den anderen eine Würde zurückgibt, dass weiss ich auch nicht. Die Malerei kann unrichtig sein, wie wir es auch mit unseren Mitmenschen sein können. Ich denke, für mich ist die Suche nach Würde nur möglich, wenn ich Unzulänglichkeiten ansehe und zu verstehen versuche, wenn ich das Schönreden vermeide und darlegen wage, was versteckt ist. Manchmal bin ich mit Leuten unwürdig, ungehobelt, verletzend. Meine Malerei ist wie sie ist, ein Spiegelbild, sie wiedergibt all dies, auch Komplexität und einfach auch wer ich bin. Gibt dieser Akt des Malens, der mir immer wieder Frieden zurückgibt, auch ein Raum um die Würde zu erahnen?

Urs Kehl, aus einem Gespräch mit Perry Proellochs