Sommerbotschaft: Mit Herz, Hand und Werkzeug!

Eine grosse Tafel aus Eichenholz… Ein Meter fünfzig auf ein Meter zwanzig! Schwer und solid, wie das, was darauf geschnitzt werden soll.

Florent, Bildhauer und Langzeitvolontär aus Burkina Faso lebt seit kurzem im Haus in Treyvaux. Er macht sich mit den Teilnehmenden der Kreativwoche ans Werk. Zwei Eisenschienen sollen die Tafel stabilisieren. Abmessen, zuschneiden, verschrauben, alles muss ganz genau passen – die hohe Schule der Materie! Nun ist das Holz bereit. Tok-tok-tok hallt es weitum im Rhythmus der Hämmer, Stechbeitel, Hände, Arme, Körper und Herzen.

Die Melodie trägt unsere Gedanken hinaus zu den Menschen, die Florent zuvor mit einer Skizze aufgesucht hat. In einem engen Wohnwagen, in einem Spitalzimmer, in einem hohen grauen Wohnblock oder am Ende eines Waldweges haben sie überlegt: „Wie soll das Werk gestaltet sein, damit Menschen und Familien, die wegen ihrer umfassenden Armut übergangen werden, sich darin wieder erkennen?“

So entstand nach und nach ein Bild: Dem Kind gebührt ein Platz in der Mitte! Kein Kind dieser Erde soll zuviel sein! Jedes Kind soll frei und sicher aufwachsen können, wie eine Eiche mit Ästen, die zum Himmel ragen! Und an der Seite des Kindes Erwachsene mit ausdrucksvollen Augen. Sie machen deutlich, dass ihr Leben und Kämpfen gross ist und Achtung verlangt. Und darüber eine Sonne. „Sie muss riesengross sein“, sagt Jean Marc, „damit sie der ganzen Familie, ja jeder Familie, Kraft und Sicherheit gibt!“

Ein werdender Vater, Cédric, beteiligt sich mit seiner Partnerin an diesem kreativen Werk. Einen Monat vor dem Geburtstermin sind sie sehr besorgt. Ihnen wurde bereits ein Platz in einem Heim angeboten:

„Schon im Mutterleib gehört unser Kind dem Staat.“

Der junge Vater verlängert eine Linie auf der Holztafel, damit die Familie grösser erscheint, und sagt: „Was wir machen, ist nie gut genug. Immer haben sie etwas auszusetzen und wollen das letzte Wort behalten.“

Eine Mutter hört mit ihrem dreimonatigen Kind in den Armen zu. Sie sagt, wie wichtig es ist zu zeigen, dass man ein Netz von Freunden und Personen hat, die unterstützen, begleiten und helfen können. „In einem Bericht stand in Grossbuchstaben, dass ich für das Kind, das ich erwartete, eine Gefahr sein würde, und ich musste dazu Stellung nehmen.“

„Der Richter hörte mich an und gab mir eine Chance. So konnte ich mein Kind in der Klinik und dann auch zuhause behalten.“

Diese Mutter hat Stunden mit einer jungen ATD-Volontärin, einer Juristin, verbracht, um Briefe zu schreiben, damit ihre Akten auch ihre Erfahrung und ihr Wissen aufzeigen, in ihren eigenen Worten.

Am letzten Tag dieser Arbeitswoche packt Aurélia ihre Reisetasche, um wieder in ihr Wohnstudio zurückzukehren. Als Kind hat sie Fremdplatzierungen erlebt und nun, als junge Frau, wehrt sie sich gegen erneute Beschränkungen ihrer Freiheit.

„Man wird schliesslich zu einer Nummer, einer Akte. Ich will zeigen, wer ich bin, und das soll man anerkennen.“

Auf der grossen Eichentafel hat Aurélia die Spuren der zusammengefügten Backsteine gekerbt, in der Hoffnung, dass sich auch für sie gute Wege öffnen werden, um ihr Leben nach und nach aufzubauen.

So prägen Jugendliche, Erwachsene und Familien, die tiefes Unrecht erleiden, das Leben im Schweizer Zentrum von ATD Vierte Welt. Allzuoft wird ihnen ein Blick verwehrt, der vertrauensvoll vorwärts gehen lässt. Deshalb haben sie das Haus in Treyvaux zu einem Ort des Wissens und der Identität gemacht, zum Auftanken als Familie und für schöpferisches Tun, für die Volksuniversität Vierte Welt und die Wissenswerkstatt, damit die Erfahrung und das Wissen
eines jeden Menschen anerkannt und berücksichtigt werden.

Florent ist mit seiner Familie aus Burkina Faso hierher gekommen. Auf den Strassen von Ouagadougou hat er sich jahrelang Tag und Nacht an der Seite von Kindern und Jugendlichen eingesetzt, welche die Armut von ihren Familien trennt.

Das mit solchen Trennungen verbundene Leiden und Hoffen wird nun auch in diese Holztafel geschnitzt. Sie soll als Wahrzeichen vor dem nationalen Zentrum in Treyvaux angebracht werden.

Auch Jugendliche verschiedener Herkunft machen bei diesem grossen Werk mit, bringen ihre Fragen ein und suchen, wie sie ihr Leben mit den in ihrer Würde zutiefst verletzten Familien verbinden können.

Wir wünschen Ihnen einen schönen Sommer und danken herzlich für Ihre Unterstützung!

Anne-Claire Brand
Schweizerische Koordination

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