Soziale Teilhabe ist unverzichtbar

Regionale Armutskonferenz, Liestal, 2021

So lautete das Motto der Regionalen Armutskonferenz vom 16. Oktober in Liestal. 80 Personen zog es an diesem Samstagmorgen in den Landratssaal. Neben einer Anzahl PolitikerInnen aus Kanton und Gemeinden, sowie Vertretungen aus Fachorganisationen nahmen auch 25 Personen mit Armutserfahrung daran teil. Unter anderem Bernadette Freitag. Sie war eine von drei ProtagonistInnen bei der immer wieder eingespielten Videoproduktion. „Ich freue mich riesig auf diesen Tag, denn das ist die einzige positive Attraktion, die ich dieses Jahr erlebe“, betonte sie.

Aus erster Hand und in erster Linie

Mit den Worten „Wir können nur etwas verstehen, wenn aus erster Hand berichtet wird“, eröffnete Regierungsrätin Kathrin Schweizer die Konferenz und liess dabei klar erkennen, was ihr der Austausch mit Menschen, die von Armut betroffen sind, bedeutet. Alt-Nationalrat und Präsident der Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe Christoph Eymann prangerte nicht nur den Begriff der Selbstverschuldung an, sondern sprach der Politik ins Gewissen, dass „es in erster Linie um Menschen geht, denen wir auf Augenhöhe begegnen und zuhören sollten. Geld darf nicht die primäre Ausgangslage zur Unterstützung von Sozialhilfeempfangenden sein“.

Gesellschaftliche Teilhabe und gesellschaftliches Teilnehmen

Den Kern der Konferenz bildeten die Videobotschaften, in denen Menschen mit Armutserfahrung ihre gesellschaftliche Teilhabe präsentierten. So auch Toni, der 20 Jahre als Müllmann mit Leidenschaft arbeitete. Wegen gesundheitlichen Problemen musste er bei der Invalidenversicherung (IV) eine Umschulung im Bürobereich absolvieren. Doch Toni konnte sich darüber nicht freuen und betonte mit niedergeschlagener Miene: „Trotz 200 Bewerbungen wurde ich arbeitslos und ausgesteuert. Man sagt mir, du bist zu alt, zu teuer und hast zu wenig Erfahrungen“. Apropos Erfahrungen als Sozialhilfebezüger meint Toni: „Ich verstehe es einfach nicht, warum es für Personen mit einer IV, einer Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) oder als Student Ermässigungen für kulturelle oder sportliche Veranstaltungen gibt, während wir Sozialhilfebeziehende nicht dabei sind? Wir haben doch Ende Monat weniger im Geldbeutel als die genannten Kategorien“.

Genau darum ging es auch an der Konferenz, Lösungen zu finden, wie Menschen in Armut besser am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Dazu gehörte auch die Lancierung einer Petition, die vom Regierungsrat fordert, dass die Kommission für Armutsfragen zu je einem Drittel aus Personen mit Armutserfahrung, sowie aus Fachorganisationen und Verwaltung/Politik zusammengesetzt wird.

Lebenskünstler

Das letzte Wort gehörte den AktivistInnen. Vor allem fand die Aussage von Bernadette Freitag grosse Bewunderung. „Wir sind Lebenskünstler, denn wir bringen uns mit wenig durchs Leben“, lautete ihr Fazit.

Claude Hodel, ATD Vierte Welt Verbündeter


Vorbereitet wurde die Konferenz von ATD Vierte Welt, Caritas beider Basel, Pastorales Zentrum der Katholischen Kirche Baselland und Winterhilfe Baselland.