Teil der Arbeitswelt zu sein ist wichtig, um sein Leben gestalten zu können

Die Bewegung ATD Vierte Welt hat im Jahr 2011 in Frankreich das Projekt „Null  Langzeitarbeitslose“ („Territoires zéro chômeur de longue durée“) gestartet. Es gibt allen, die keine Arbeit mehr finden können, Hoffnung. Und wir sind viele in dieser Situation! Für uns existiert sonst kein vergleichbares Projekt, das jedem Menschen ermöglicht, sein Leben zu gestalten und nicht nur Beobachter zu sein.  

Für viele Jugendliche und Erwachsene ist es sozusagen unmöglich geworden, in den Arbeitsmarkt oder in eine Ausbildung einzutreten oder dahin zurückzufinden. Lange Jahre in der Sozialhilfe oder der Arbeitslosigkeit lassen unseren Lebenslauf oft allzu leer erscheinen. Eine durch prekäre Arbeiten geschädigte Gesundheit und keine anerkannte Ausbildung verunmöglichen uns oft auch eine Umschulung.  

Die Corona-Gefährdeten, die in den Medien zu Wort kommen, sind Menschen, die eine Arbeit hatten und sie im Lauf der wachsenden Wirtschaftskrise verloren haben. Aber für uns ist die Krise umfassender. 

Wie werden jene, die seit Jahren ohne Arbeit sind, im sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbau nach Covid-19 – als Arbeitende und nicht als Fürsorgefälle – berücksichtigt werden? 

An unserer Volksuniversität Vierte Welt im Juni haben sich mehrere zu diesem Thema geäussert. 

Ein Mann, der an vielen Orten gelebt hatte, sagte:
 „Es braucht Mut, sich wieder aufzurichten, wenn man so weit unten ist, es braucht unglaublich viel Kraft, da herauszukommen. Was die Arbeit angeht, und auch viel anderes, ist man fehl am Platz. Dazu kommen die Vorurteile in der Gesellschaft. Hart! Und da ist auch jener Satz, der sagt, dass in der Arbeitswelt schon als alt gilt, wer über vierzig ist. Um sich aufzurichten, braucht es mehr Solidarität.“

Dazu sagte eine junge Frau: „Seit sieben Jahren habe ich nun IV. Man hat mir gesagt, ich könne keine Ausbildung machen, da ich eine Vollrente habe. Ich bin 27 Jahre alt und möchte einfach arbeiten. Ich finde das demütigend, wir möchten vorankommen, aber man schiebt uns einfach auf die Seite.

Im Projekt „Null Langzeitarbeitslose“ zählen auch die Dauer und die Ernsthaftigkeit. Denn wenn die Projekte von kurzer Dauer sind und keinen Erfolg haben, dann heisst es wieder: „Wir haben es ja versucht, aber es ging nicht.“ Das diskreditiert die stark Betroffenen einmal mehr, diese Diskriminierungen müssen aufhören!

Zahlreich sind die strukturellen Veränderungen, die uns dauernd auf dieser abwertenden  Gratwanderung fest-halten. Heute sind in den Dörfern quasi alle kleinen Postbüros geschlossen  und man muss seine Post in den Läden abholen. Ein Betreibungsschreiben, das kann man jetzt von einer Verkäuferin in einer Bäckerei oder einem andern Laden erhalten! Es sind nicht mehr vereidigte Angestellte, die solche Dokumente aushändigen. Können Sie sich die Demütigung vorstellen, in einem Verkaufsladen Ihres Wohnorts zu stehen, um Ihre Betreibungsurkunde abzuholen? 

Elisabeth Gillard, Basismitglied