Versteckte Armut in der Schweiz – eine partizipative Herangehensweise

Das Forschungsprojekt „Armut – Identität – Gesellschaft“ wird von Markus Furrer, Professor für Geschichte an der Pädagogische Hochschule (PH) Luzern und Mitglied der Lenkungsgruppe, in den schweizerischen Kontext gestellt. 

ATD Vierte Welt geht mit dem Projekt der „Wissenswerkstatt“ einen vielversprechenden und in der Schweiz neuen Weg, das Thema Armut in einem partizipativen Prozess im Erfahrungs- und Wissensaustausch unter Betroffenen, Berufspraktiker(innen) und Wissenschaftler(innen) anzugehen. Aus Grossbritannien liegt eine interessante Vergleichsstudie zu „Armut verstehen in all ihren Formen“ vor, die von ATD in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford erarbeitet worden ist. Gearbeitet wurde dazu in vier Kontinenten. 

In der Schweiz wurde die Thematik im Zusammenhang mit der jüngsten Aufarbeitung zu „fürsorgerischen Zwangsmassnahmen“ angestossen. Im Vordergrund stehen Bemühungen, die Opfer zu rehabilitieren, wie es die Unabhängige Expertenkommission (UEK) Administrative Versorgung in ihrem Abschlussbericht verlangt. Deutlich werden so die Lebenslagen Betroffener, denen die Zugänge zu Finanzen, aber auch Wissen und Kultur häufig verschlossen sind. Armut ist eine Schlüsselerfahrung, die sich durch die vielfältigen Biografien Betroffener zieht und bis in die Gegenwart wirkt.

Es waren in der Schweiz weniger das Erkennen dieser Armut, sondern vielmehr die Zwangsmassnahmen und die Erziehungsmethoden in Heimen, die die Öffentlichkeit bewegten und zum Skandal führten. Es ist aber erst der kritische Blick auf die sozialen Strukturen mit der Frage nach der Armutsbetroffenheit, der die eigentlichen Ursachen aufdeckt. So wirkte Armut als Hauptursache von Fremdplatzierung und darüber hinaus: „Ein Pflegekind zu sein bedeutete oft den Anfang eines Lebens in Armut“. (R. Wecker (2014). Neuer Staat – neue Gesellschaft. Bundesstaat und Industrialisierung (1848-1914). In: G. Kreis (Hg.), Die Geschichte der Schweiz, S.468.). Dieser Bezug motivierte mich als Historiker, mich beim Projekt von ATD Vierte Welt zu engagieren. 

Eine Untersuchung von 2012 zu den Heimplatzierungen im Kanton Luzern zeigte uns schnell, dass primär arme Bevölkerungsgruppen von diesen Zwangsmassnahmen betroffen waren. Historikerinnen und Historiker haben mit Oral History einen wichtigen Zugang, um die Ge-schichte jener, die meist ohne Stimmen sind, aufzunehmen. In dem von ATD lancierten Projekt der Wissenswerkstatt ist das ein zentraler Aspekt. Die „Geschichten“ armer und gesellschaftlich ausgegrenzter Menschen gilt es in die „grosse Geschichte“ einzubauen und diese sichtbar zu machen. Geschichte ist eine Disziplin, die ihren primären Nutzen durch deren Verwendung in der Öffentlichkeit hat. In diesem Rahmen geschieht dies auch in den letzten Jahren zunehmend. Porträts von Betroffenen haben so in den Veröffentlichungen der UEK einen hohen Stellenwert. 

Das Projekt der Wissenswerkstatt will jedoch noch mehr. Es geht um einen partizipativen Ansatz, der einen Versuch darstellt, das Wissen von Menschen mit Armutserfahrung in nationalen Forschungen und Entscheidungsprozessen, die sie direkt betreffen, miteinzubeziehen. Dies geschieht als Dialog, indem Menschen mit Armuts-erfahrung, Berufspraktiker(innen) und Wissenschaftler(innen) gemeinsam ein Wissen aufbauen, das dann wieder in die Arbeits- und Tätigkeitsfelder
einfliesst.