Weihnachtsaufruf 2019

Zum Jahresende nehmen uns die Kinder wie Lucie, Nassim und Cindy an die Hand, damit wir sie anhören und ernst nehmen.  

Andere haben sich zu ihnen gesellt. Die achtjährige Samia sagt: Wir müssen zusammen vorwärts gehen! Lucas will Anwalt werden und für Gerechtigkeit für alle sorgen. Walid möchte Journalist werden und alle zum Nachdenken bringen.  

Mit Ihrer Gabe zu den kommenden Festtagen unterstützen Sie ATD Vierte Welt. Wir danken Ihnen ganz herzlich dafür. Helfen wir alle mit, dass die Kinder voll Vertrauen aufwachsen und Kraft finden, ihre Träume zu verwirklichen!

Herzliche Grüsse und viel Freude in der kommenden Zeit!  

Anne-Claire Brand, Schweizerische Koordination

Damit das Leben heller wird  

Lucie ist vor 15 Jahren zur Welt gekommen. Ihre jungen Eltern hofften in der Schweiz auf eine bessere Zukunft. Als Kind schon hatten sie Not und Krieg erlebt und keine Chance gehabt, lesen und schreiben zu lernen. 

Seit mehreren Jahren kommt Lucie mit andern Kindern zur Strassenbibliothek, die ich jede Woche in ihrer Siedlung leite. 
30 Jahre Kinderrechte – zu diesem Jahrestag möchten wir heute etwas aufschreiben. Die Kinder brauchen Zeit, sich da hinein zu vertiefen, diese Anliegen scheinen weit weg zu sein. Aber nach und nach wird es ruhig und ein grosser Ernst stellt sich ein. 

Nassim sagt: „Ich kenne Eltern, die sich getrennt haben, weil sie viel Streit hatten wegen Geschichten wie Arbeitslosigkeit und andern grossen Sorgen. Ich habe Angst um meine Familie und die andern rundum. Die Armut macht, dass man sich trennen muss. Das raubt mir den Schlaf.“

Diese Kinder, die mit ihren Eltern oft Schweres durchgemacht haben, sind wie ein Acker, bereit, die ganze Tiefe der Kinderrechte zu erfassen. 
Sie entdecken Malala, die in Pakistan das Recht auf Schulbildung für alle verteidigt und dabei ihr Leben riskiert hat. Sie entdecken, dass auch sie etwas Kostbares zu sagen haben, damit unsere Welt zu einem guten Ort für alle wird. 

Lucie schweigt an diesem Treffen. Am selben Abend noch kommt sie vom andern Ende der Stadt her zu mir. Sie ist ausser sich und schluchzt:
 „Man will uns in ein Heim stecken, meine Geschwister und mich!“ 
Es ist, als ob die Welt um sie herum zusammenbrechen würde. 
Und dann sagt sie plötzlich: „Ich will zum Coiffeur gehen.“ Ich frage warum. „Ich finde, die Haare sind wie Wurzeln! Ich will sie schneiden lassen, denn uns schneidet man die Wurzeln ab.“ 
Ihre langen, feinen Locken lassen mich immer an Engelshaar denken. 

Lucie nimmt all ihren Mut zusammen, um, wie sie sagt, „trotzdem  noch zu lächeln, zu spielen, vorwärts zu gehen…“. Aber sie sorgt sich um ihre Geschwister, Tag für Tag.

Dann kommt der 17. Oktober, der Welttag zur Überwindung der Armut. Der grosse Tag ist da. Die Nationalratspräsidentin Marina Carobbio empfängt im Bundeshaus in Bern unsere Kinderdelegation. 
Lucie sitzt ihr gegenüber und liest ihre Botschaft mit Herzklopfen:

„Es macht mir Angst, wie schnell man alles verlieren kann. Man kann eines Morgens erwachen ohne zu wissen, dass die Menschen, die man am meisten liebt, am nächsten Tag nicht mehr da sind.“ 

Was Cindy, die aus einer andern Stadt kommt, nachher sagt, berührt Lucie sehr. Es ist wie ein Echo auf ihre eigene Botschaft: „Ich bin seit 10 Jahren in einem Heim. Die Eltern sollten mehr unterstützt werden, damit sie sich gut um die Kinder kümmern können. So wie es meine Grossmutter macht. Es braucht Freunde, die unsere Eltern achten und lieben, so, wie sie sind. Ich liebe meine Mutter so, wie sie ist.“

Diese Kinder tragen eine tiefe Gewissheit im Herzen: Wenn die Welt ihre Eltern so verstehen könnte, wie sie es tun, dann würde man ihrer Familie einen Platz geben und das Leben wäre heller. 

Cathy Low

Wir danken für Ihre Spende