Wut – und Hoffnung auf einen radikalen Perspektivenwechsel

Wut - und Hoffnung auf einen radikalen Perspektivenwechsel

Ich habe ATD Vierte Welt vor 39 Jahren kennengelernt und zuerst an der Fertigstellung und Übersetzung des Buches Schweizer ohne Namen mitgearbeitet. Noch heute höre ich Menschen mit Armutserfahrung an einem Treffen in Basel sagen: «Wenn die Menschen dank des Buches wissen wie es uns geht, dann wird es sich ändern!» Sie sagten das mit grosser Überzeugung.

Das hat sich nicht geändert!

«Dann wird es sich ändern!» – «Es» ist das, was am meisten belastet, was einen unten hält und in der Würde verletzt. Und das hat sich nicht geändert. Meine Motivation, mich im Projekt «Armut – Identität – Gesellschaft» zu engagieren, ist deshalb zuallererst eine mächtige Wut. Was müssen Menschen in Armut noch alles leisten und erklären, bis sich in der Schweiz Gesellschaft und Politik dazu durchringen, die Lösungen zur Überwindung der Armut von der Würde jedes Menschen aus zu denken und zu realisieren?

Ein unentbehrlicher Perspektivenwechsel

Der Ansatz des Projekts, verschiedene Gruppen aus der Gesellschaft und später auch aus der Politik dazu zu bringen, mit Menschen in Armut zusammen zu denken und zu forschen, könnte endlich zu einem Perspektivenwechsel führen, weil die Erfahrung der Armut in der Mitte steht, der Ausgangspunkt ist.

Wer nähme sich heraus, Roger Federer oder Mujinga Kambundji zu sagen oder gar vorzuschreiben, wie sie leben sollen, damit sie Erfolg haben? Die Menschen, die in der Schweiz in Armut leben, sind ebenso Kämpfer und Kämpferinnen und ebenso Experten und Expertinnen ihres Lebens. Aber sie werden weder von der breiten Bevölkerung noch von den EntscheidungsträgerInnen als solche wahrgenommen und behandelt. Das ist die Krux, hier liegt der Hund begraben. Und wenn wir diesen Hund nicht ausgraben, können die verschiedensten Institutionen sich noch so Mühe geben, noch so zerren, drohen, dieses vorschreiben und jenes verbieten oder die Familien auseinanderreissen: Die Armut wird sich von Generation zu Generation fortsetzen.

In der Steuergruppe und in der Begleitgruppe bemühen wir uns bei jeder Etappe des Projekts die Punkte herauszuschälen, bei denen es entweder zwischen den drei Wissensgruppen unterschiedliche Wahrnehmungen oder Einschätzungen gibt oder bei denen die drei Gruppen Spannungsfelder zwischen ihren gemeinsamen Erkenntnissen und dem Wissensstand in Gesellschaft und Politik feststellen. Diese Punkte werden dann von allen Teilnehmenden gemeinsam vertieft.

Ausschlaggebend wird sein, dass dieses so erarbeitete neue Wissen dann in der Mitte der Gesellschaft ankommt und die Massnahmen und gesetzlichen Grundlagen für die Bekämpfung der Armut radikal verändert.

Annelise Oeschger, Mitglied der Steuergruppe